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CHROMATIC FRAGMENTS

Farben wie Licht – Die Malerei von Nike Seifert
Künstlerische Ideen gleichen oftmals Geistesblitzen. Sie entwickeln sich spontan und situativ, brechen aus dem Künstler heraus und drängen zur Umsetzung. Künstlerische Ideen basieren aber auch auf detaillierten Planungen und langfristigen Überlegungen, sind Ergebnis prozesshafter Arbeit. Nike Seifert verbindet beide Vorgehensweisen und erschafft Bilder, die sich durch Spontaneität und Ratio gleichermaßen auszeichnen. Ihre Werke vereinen die dem Moment verhaftete Abstraktion und können doch auch eine dem Kalkül entsprungene Farbkomposition sein.

Ihre künstlerische Arbeitsweise erinnert an den französischen Tachismus der 1940er bis 60er Jahre, bei dem der spontane Malakt die dem Künstler innewohnende kreative Kraft sichtbar machen sollte. Unbewußt und aus dem Moment geboren. Ähnlich wie im deutschen Informel der 1950er Jahre entstanden Bilder, die Ausdruck eines dynamischen, spontanen Malvorganges waren, ungegenständlich und abstrakt. Auch wenn Nike Seifert sich auf diese Kunst nicht ausdrücklich bezieht, scheinen dennoch ihre schon frühen Berührungen mit Werken des Informel und ganz besonders die Auseinandersetzung mit Kunstwerken von und die persönliche Begegnung mit Peter Herkenrath in dessen Atelier eine prägende Rolle für ihr eigenes Werk zu spielen.

Ebenso wie Künstler des Informel schöpft Nike Seifert ihre künstlerische Motivation aus der Kraft der reinen Malerei. Es gibt keine bestimmte Motivwahl, sondern ein geradezu eruptives Herausarbeiten aus der Farbe und dem Arbeitsvorgang des Malens selbst. Pinsel, Rakel oder Spachtel kommen zum Einsatz und lassen so Werke mit Strukturen und unregelmäßigen Farb- und Oberflächen entstehen. Zufall und Experiment sind das Ziel. Die Möglichkeit, jederzeit zu ändern, zu ergänzen oder zu übermalen sind wesentliche Merkmale dieser künstlerischen Arbeitsweise. Zuweilen ergeben sich Konturen, ist gar Gegenständliches zu erkennen, doch sind diese „Motive“ nie gewollt oder gar im Entstehungsprozess angelegt und beabsichtigt. Sie werden vielmehr später, nach Fertigstellung des Bildes von Nike Seifert entdeckt und inspirieren sie dann für die Wahl der assoziationsreichen Bildtitel.

NikeIn ihren oftmals großformatigen Bildern wird einmal mehr deutlich, wie die intensive Verwendung von Farbe sowohl kontrastreiche Spannung als auch harmonischen Gleichklang hervorzurufen vermag. Nike Seiferts Bilder sind das Ergebnis eines leidenschaftlichen Malprozesses, in dem sich kraftvoll aufgetragene, unzählig übereinandergeschichtete und wieder abgetragene Mineralien und Pigmente miteinander verbinden. Die Verwendung von Feinmetallen wie Gold und Silber lassen intensive Farbflächen entstehen, die strahlend- grell oder monochrom-erdig sein können.

Mittels reiner Naturmaterialien wie Kalk, Leim, Harz  und einer schier unendlichen Palette von zum Teil historischen Farbpigmenten, Öl- und Lackmixturen werden variationsreiche Kompositionen geschaffen. Dabei spielt das Experiment ein wesentliche Rolle. Trotz des Wissens um die Wirkung der verschiedenen Materialien spielt Nike Seifert auch hier mit dem Zufall und dem nicht vollends absehbaren Ergebnis. Aufbrechende Farbflächen, Risse und Abblätterungen können genauso entstehen wie gebundene Lackflächen oder körnige Schraffuren. Ähnlich verhält es sich auch mit der Farbgebung generell. Aus einem spontanen Reflex heraus, kann ein eben noch neon-gelbes Bild im nächsten Arbeitsschritt tiefrot und dunkel werden.

Nike Seiferts Werken kann man sich wohl am ehesten mit der Vorstellung nähern, Landschaften zu betrachten. Ob schneebedeckte Berge oder satte Graslandschaften, das Meer oder wüstenartige Regionen, deren sandige Töne in der Sonnenhitze zu flimmern beginnen. Es sind geistige Momentaufnahmen, die sich in den Strukturen und Farbgebungen erkennen lassen und Fragmente der Erinnerung, die sich in den Stimmungen der Bilder widerspiegeln.

Auffallend sind auch die zahlreichen Anspielungen in den Bildtiteln zum Weltraum, der für Nike Seifert als Metapher des Unvorstellbaren gilt. So ist das nicht Erklärbare eine weitere wichtige Inspiration. Ebenso bezieht sie sich immer wieder auf das Licht und seine vielfältigen Eigenschaften und Wirkungsweisen, verbindet explizit das Phänomen von Lichtreflexion
und -absorbtion. Samtige Farbflächen kontrastieren mit stark reflektierenden Oberflächen. Subtil rufen die verwendeten Pigmente und Metalle stets sich ändernde Wirkungen hervor.

Mit ihrer Malerei eröffnet Nike Seifert dem Betrachter die Möglichkeit, je nach Standpunkt und Art der Lichtquelle, Farben und Formen immer wieder neu zu erfahren, wobei die jeweilige Veränderung von Licht und Schatten weitere imaginäre Räume entstehen läßt.

Autorin: Alexandra Wendorf


www.nikeseifert.de