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RENATE GRUBER | „EINE SAMMLUNG ABZUGEBEN IST EIN KURZER SCHMERZ, ABER LANGE FREUDE!“

Die Sammlung Gruber stellt die faszinierende Geschichte der Fotografie im 20. Jahrhundert dar. Mit über 3.500 Werken ist die Sammlung Gruber im Museum Ludwig Köln eine der umfang- und einflussreichen Kollektionen klassischer Fotografie weltweit. Zudem sind Tausende Dokumente zum Leben und Wirken von Prof. Dr. h.c. L. Fritz Gruber (1908-2005) sowie zur Geschichte der Fotografie im 20. Jahrhundert im Historischen Archiv der Stadt Köln beherbergt. Ein Leben im Dienste der Fotokunst – liebevoll dokumentiert und fortgesetzt durch Renate Gruber, mit der der legendäre Publizist, Sammler und Fotoexperte 46 Jahre verheiratet war. Gérard Goodrow sprach mit Renate Gruber über ihre Erinnerungen an ein außergewöhnliches Leben mit „Mister Photokina“, die gemeinsame Freude an der Fotografie und das Weiterleben der Sammlung im Museum.

Frau Gruber, Ihr Mann, L. Fritz Gruber, der 2005 im Alter von fast 97 Jahren starb, war eine einflussreiche Persönlichkeit der internationalen Fotoszene in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts. Er war u.a. mit Ansel Adams, Chargesheimer, Irving Penn und Man Ray eng befreundet und organisierte schon in den 1950er und 60er Jahren im Rahmen der Photokina in Köln die teilweise ersten Ausstellungen nach dem 2. Weltkrieg von weltberühmten Fotografen wie August Sander, Albert Renger-Patzsch, Edward Steichen oder Jacques-Henri Lartigue. Viele Werke der Sammlung Gruber sind aus diesen legendären Ausstellungen erworben worden.
Die langanhaltenden Freundschaften mit den Fotografen waren sehr bereichernd für uns beide. Diese Freundschaften pflege ich heute noch, zumindest mit jenen, die noch leben, verbunden mit vielen Reisen – vor allem nach Arles, wo das jährliche Fotofest, Les Rencontres d‘Arles, seit nunmehr drei Jahrzehnten Mittelpunkt der europäischen Fotoszene ist. Doch schon als junger Mann durfte mein Mann den wohl bedeutendsten deutschen Fotografen überhaupt kennenlernen: August Sander. Er ging nämlich mit dem Sohn des Fotografen, Gunther Sander, zur Schule und war bei ihm zuhause eingeladen. Diese Begegnungen hat das Leben meines Mannes nachhaltig geprägt. Die erste Fotografie – der Ausgangspunkt bzw. die Keimzelle der Sammlung Gruber sozusagen – war ein Porträt seines Lehrers Dr. Paul Bourfeind von 1924 aus dem Atelier August Sanders. Das Alltagsleben mit der Fotografie als Privatsammler ist sehr bereichernd, umso mehr, wenn man von einer wunderbaren Bibliothek umgeben ist und wenn die Fotografien nur eine Etage höher im Grafikschrank bewahrt werden. Es ist großartig, einfach eine Fotografie von Man Ray aus dem Schrank zu holen und mit den Freunden und Gästen darüber zu diskutieren. Man kann das Werk in die eigenen Hände nehmen und Vergleiche zwischen einem älteren und einem neueren Abzug ziehen. Die Bilder wecken Erinnerungen und die Vergangenheit wird wieder lebendig.

Über die Jahre sind mehr als 3.500 Fotografien aus den 1920er bis in die 80er Jahre gehend zusammengekommen, viele davon in Zusammenhang mit der Photokina, die Ihr Mann 1950 mitgegründet und 30 Jahre lang intensiv und maßgeblich begleitet hatte. In der Zeit kuratierte und organisierte er über 300 Ausstellungen mit Katalogen, und gab eine Vielzahl an Publikationen zur Fotografie als Autor heraus, was ein ‚Verzeichnis der Schriften‘ belegt. Seit Mitte der 1970er Jahre sind die meisten Fotografien der Sammlung Gruber nicht mehr bei Ihnen zuhause, sondern im Kölner Museum Ludwig. War es einfach für Sie und Ihren Mann, sich davon zu trennen?
Eigentlich waren wir mit der Zeit in gewisser Weise schon geübt, denn die erste Ausstellung mit Fotografien aus der Sammlung Gruber fand schon 1972 im Kölnischen Kunstverein statt. Wissen Sie, eine Sammlung abzugeben ist ein kurzer Schmerz, aber eine lange Freude! Man sammelt, tauscht, kauft, sucht und findet – man liebt jedes einzelne Blatt und lebt 50 Jahre lang intensiv damit  zusammen. Doch wenn die Bilder im Museum eine Heimat finden, sind sie für alle da. Das ist für Sammler eine Genugtuung, ein großes Glück – auch aus konservatorischen Gründen. Es fühlt sich in gewisser Weise an, wie die Tochter, die man gut in der Nähe verheiratet – erst muss man sie gehen lassen, aber dann weiß man, dass man sie jeden Tag besuchen kann. Die Fotografien sind so nicht nur in der geiebten Heimatstadt geblieben und werden dort dauerhaft gut versorgt, sondern sie bildeten auch den Grundstock für eine neue Abteilung im damals jungen Museum Ludwig, die allein der Fotografie gewidmet ist. Bei uns zuhause konnten nur wenige Gäste die Sammlung mit uns ansehen und genießen, nun sind es viele Tausende! Wir haben etwas wichtiges angestoßen und das macht mich heute noch sehr stolz.

Wie ist es damals zur öffentlich zugänglichen Sammlung gekommen?
Initiiert wurde das ganze vom damaligen Kulturdezernenten Dr. Kurt Hackenberg, der ein Studienfreund meines Mannes war. 1977 hat die Stadt Köln dann 800 Fotografien für die Sammlung des Museums erworben. Nach und nach haben wir weitere Konvolute dem Museum gestiftet – u.a. 1993 zum 85. Geburtstag meines Mannes oder 1996 anlässlich der Verleihung des Großen Bundesverdienstkreuzes mit Stern. Darunter sind beispielsweise 62 Vintage-Prints von Man Ray, aber auch umfangreiche Werkgruppen von August Sander, Albert Renger-Patzsch und Chargesheimer. Heute umfasst die Sammlung Gruber im Museum Ludwig über 3.500 Blätter. Darüber hinaus wäre es, konservatorisch gesehen, geradezu unverantwortlich gewesen, so viele wertvolle Zeitzeugen der Geschichte der Fotografie in einem alten Privathaus auf Dauer halten zu wollen. Auch deswegen bin ich noch heute sehr froh darüber, dass die Werke im Museum unter den richtigen konservatorischen Bedingungen aufbewahrt und wissenschaftlich betreut werden.

Die Nachrichten über den tragischen Einsturz des Historischen Archiv der Stadt Köln am 3. März 2009 muss für Sie wie ein Albtraum gewesen sein. Denn dort waren abertausende Briefe und dokumentarische Fotografien beherbergt, die Sie und Ihr Mann über Jahre zusammengetragen und in mühevoller Handarbeit beschriftet und katalogisiert hatten. Wie geht man mit so einem enormen Verlust um?
Sie können sich gar nicht vorstellen, welch’ ein Schaden und auch Schmerz der Einsturz des Stadtarchivs ausgelöst hatte, nicht nur für mich persönlich, sondern für die Stadt und das Land, vor allem für die Forschung. Die Dokumente, die Erinnerungen eines ganzen Lebens mit der Fotografie sind entweder zerstört oder verloren gegangen. 14.000 dokumentarische Fotografien, hunderte Plakate, Briefe von Fotografen, Manuskripte – 25 laufende Meter Regalwand von und über L. Fritz Gruber und sein Leben mit der Fotografie. Alleine die Beschriftung der Bilder bedeutete jahrelange Arbeit. Die meisten Dokumente hat man wieder gefunden – aber fragen Sie mich nicht in welchem Zustand! Es wird  50 Jahre dauern, bis der Bestand ‚1319 Gruber’ wieder in Ordnung gebracht und restauriert worden ist. Weder ich noch meine Tochter werden dies noch erleben. Wir haben aber die Hoffnung nicht verloren und  freuen uns auf das neue Archiv und  geben seit einem Jahr Konvolute beschrifteter Fotografien und Dokumente wieder ab.

Sie haben auch andere Institutionen in Köln mit großzügigen Schenkungen bedacht. Für die jeweilige Zeit bedeutende Kleidungsstücke, wie z.B. ein Smoking aus den 1920er Jahren von Ihrem Mann oder ein Dior-Kleid von Ihnen aus den 1950er Jahren bereichern die Modesammlung des Museums für Angewandte Kunst, wie auch Designobjekte der Firma Braun oder 25 Herrenhüte samt Originalverpackungen, die Ihr Mann dem Museum anlässlich seines 90. Geburtstags gestiftet hatte. Was haben Sie nicht gesammelt und später gestiftet?
Ich glaube, dass der Hang zum Sammeln im Alter verstärkt wird, denn Sammeln heißt  Bewahren und in die Zukunft sichern. Ich empfinde es als angenehm und tröstlich, solche Erinnerungstücke um mich  zu haben – und zu wissen, dass sie später vielleicht in ein Museum gehen und somit vielen anderen Menschen zugänglich werden und Freude machen – das macht mich sehr glücklich.

Seit 2004 wird der L. Fritz Gruber-Preis für Fotografie von der Universität zu Köln im Zweijahresrhythmus verliehen. Am 7. Juni 2008 wurde das Straßenschild des L.Fritz Gruber-Platz zwischen der Kölner Oper und dem Museum Kolumba nahe des Kölner Domes eingeweiht, anlässlich des 100. Geburtstages Ihres Mannes. Es gibt sogar ein Restaurant im Hopper Hotel St. Antonius in der Dagobertstraße – „L. Fritz im Hopper“ –, das nach Ihrem Mann genannt wurde …
So bleiben Spuren eines Menschen, der bis auf die Emigration in England immer in Köln zuhause war. So bleibt Fritz im Stadtgedächtnis. Mein Mann war Zeit seines Lebens der Universität zu Köln sehr eng verbunden. Dort studierte er und emigrierte dann 1933 im Zuge der Machtübernahme der Nationalsozialisten nach London. Als er 1939 nach Köln zurückkehrte, um die kranke Mutter zu besuchen, bekam er keine Ausreise und der 2. Weltkrieg brach aus. Später gab es keine Zeit mehr für das Leben als Student – die Arbeit rief, da seine Familie ernährt werden musste – und so hat er sein Studium nie abschließen können. Am 31. Januar 2005 erhielt er schließlich den Ehrendoktor seiner alten Alma Mater. Dies war sein letzter öffentlicher Auftritt bevor er am 30. März von uns gegangen ist. Der Fotopreis der Universität sowie der L. Fritz Gruber-Platz im Herzen der Stadt, die er liebte, machen mich besonders stolz. Ich betrachte diesen Platz als einen liebevollen Gruß vom Rathaus an die Familie Gruber. So bleibt er und seine Verdienste für die Fotografie in lebender Erinnerung.

Manchmal hat man das Gefühl, dass Sie nicht nur Fotografien, sondern auch Menschen sammeln. Seit vielen Jahren veranstalten Sie als Gastgeberin perfekt organisierte Soiréen und Get-Together für interessante Persönlichkeiten der internationalen Fotoszene bei Ihnen zuhause. Sie fördern jüngere Fotokünstler sowie Fotohistoriker und -kuratoren. Dabei spielt auch Ihre Tochter, die Foto- und Videokünstlerin Bettina Gruber, eine nicht unbedeutende Rolle.
Der Umgang mit jungen Menschen hilft mir, die Welt mit anderen Augen zu sehen. Wenn meine Tochter Bettina und ich ein Bild anschauen, sehen wir zwangsläufig verschiedene Sachen, denn unsere eigenen Erinnerungen und Persönlichkeiten färben das, was wir sehen. Wissen Sie, vieles in der Gegenwartskunst bleibt für mich ein Rätsel. Vielleicht hat das etwas mit dem Alter zu tun. Ich habe viel Respekt vor Sammlern, die sich auf Gegenwartskunst konzentrieren. Mein Mann und ich haben eigentlich nur Klassiker gesammelt – zwar sehr bedeutende, aber nicht unbedingt das, was man avantgardistisch nennen würde. Aber ich lerne nach wie vor sehr viel von meinen Gesprächen mit meiner Tochter – auch oder vielleicht vor allem, weil sie selber Künstlerin ist. Und die sonstigen Begegnungen mit jungen Menschen sind auch eine Genugtuung und eine Freude – eine Kompensation dafür, dass man älter wird. Was gibt es schöneres, wenn junge Menschen bei mir interessiert nachfragen, mich um meine Meinung fragen. So kann ich etwas aus meinem eigenen Leben, aus meinen eigenen Erfahrungen weitergeben, für jemanden eine Tür  öffnen oder weiterhelfen.

Abbildung: Pablo Gruber, 1984, Silbergelatine Baryt, 29 x 29 cm. Foto ©: Ulrich Tillman, Köln