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EKHART HAHN | WIR LEBEN IN EINER ZEIT DER OBERFLÄCHE

1971 in Freiburg geboren, studierte Ekhart Hahn Fotografie, Kunstgeschichte und Grafikdesign. Seine Werke befinden sich in prominenten Sammlungen in Europa, Russland und Nordamerika. Er wird von der Galerie Rothamel in Frankfurt und Erfurt vertreten, sowie von Wagner + Partner in Berlin und Pablo’s Birthday in New York. Marc Peschke sprach mit ihm.

„Der schwarze Duft der Schönheit“ war der Titel einer Ausstellung, die Sie im Städtischen Kunstmuseum Singen realisiert haben. Und so haben Sie auch Ihr Buch genannt. Warum?
In dem Titel sind zwei Haken. Einmal hat ein Duft keine Farbe und wenn, dann wäre die logische Zuordnung in der Farbskala eine andere. So reflektiert der Titel meine Herangehensweise an die Welt. Ich interessiere mich für Dinge und Situationen, die sowohl anziehen als auch zurückweisen, die also beide Pole beinhalten. Dabei spielt auch die Untersuchung der Oberfläche eine Rolle.

Die Oberfläche?
Wir leben in einer Zeit der Oberfläche, also mit dem Fokus auf dem äußerlich Sichtbaren. Aber es ist zu kurz gegriffen, darin nur Oberflächlichkeit zu sehen. Es hilft ja nicht, dem Jetzt nur die Leere, dem Vergangenen aber den Inhalt – also den Wert – zuzumessen. Es ist vielmehr so, dass wir lernen müssen, unsere Welt anzunehmen und an ihr zu arbeiten. Auch mit dem schmerzhaften Verlust von Sicherheit.

Diesem Schmerz setzen Sie Schönheit und Sinnlichkeit entgegen. Ihre Gemälde und Objekte sind von großer Sinnlichkeit, von einem dunklen, geheimnisvollen Glamour, dabei noch erstaunlich virtuos gemalt. Mit dieser Art zu malen betören Sie den Betrachter beinahe. Was ist ihre Strategie? Überwältigung?
Überwältigung sicherlich nicht. Ich werde gelegentlich gefragt ob ich mich in der Tradition der alten Meister sehe. Ganz abgesehen davon, dass ich mir das nicht anmaßen will, hat es mich nie interessiert, was man malerisch leisten kann – Illusionen zu schaffen oder zu betören. Es ist vielmehr so, dass es das von Ihnen erwähnte Sinnliche ist, was mir wichtig ist. Dafür ist es notwendig, den Dingen bestimmte Oberflächen zuzuweisen. Beispielsweise der Körpersprache vergleichbar, bietet das Bild dadurch über die intellektuelle Bildidee hinaus eine sinnliche Kommunikations-ebene, die einen direkten, wenn auch manchmal schwer fassbaren Zugang ermöglicht.

Schwer fassbar sind auch Sie. Sie sind nicht nur Maler, sondern schaffen auch Objekte. War das schon immer da – dieses Pendeln zwischen den Medien?
Mein Hauptfeld ist sicherlich die Malerei. Aber auch meine Malerei hat ganz klar objekthafte Züge. Es ist also für mich eher die Frage, in welcher Form eine Bildidee funktioniert, wenn ich sie realisiere. Das schließt die Größe aber auch die Wahl des Mediums ein.

Ihre Motivik ist surreal – oft spielen Sie mit Traditionen der Kunstgeschichte. Haben Sie besondere Vorbilder?
Eine ganze Zeit durfte man das Wort „surreal“ nicht im Munde führen, da in den Köpfen sofort alle Klischees von massenkompatiblem Poster-Kram herumgeisterten. Inzwischen sehe ich das ganz entspannt. Dem Surrealismus bin ich insofern nahe, als das Zusammenbringen von Irrealem eine Anknüpfung ist. Die Traumaufarbeitung spielt hingegen für mich keine Rolle. Meine Kunst ist eher aus einer intuitiven Quelle gespeist. Vorbilder im engeren Sinne gab es eigentlich nicht. Auch habe ich mich nie mit der Frage beschäftigt, ob ich nun in oder gegen irgendeine kunstgeschichtliche Tradition arbeite. Künstler deren Werk mich inspiriert sind zum Beispiel Jeff Wall oder Thomas Demand – und natürlich aus der Geschichte jemand wie Hammershoi.

In einem Interview haben Sie einmal von den Zwängen des „zivilisatorischen Lebens“ gesprochen, von sozialen Strukturen, die sich auflösen. „Unsere Zeit ist so, dass man sehr viel über sich selber wissen muss, um entscheiden zu können.“ Wie treffen Sie als Künstler ihre Entscheidungen?
Als Künstler treffe ich Entscheidungen, wie wir alle. Aus einer Gemengelage von dem Versuch, etwas zu verstehen, aus der Erfahrung des Scheiterns und der Sehnsucht, sich selbst nahe zu sein. Ich glaube, ob Künstler oder nicht, der Mensch ist heute mehr gezwungen, dem Eigenen zu vertrauen, da es sichere, absehbare Wege in unserer heutigen Welt nicht mehr gibt.

Das macht das Leben schwieriger …
Ja, das ist anstrengend, birgt aber auch die Chance, sich nicht zu schnell in einem vermeintlich berechenbaren Leben einzurichten, sondern etwas Eigenes zu finden. So hat sich die allgemeine Gewissheit der Anfangszeit meiner Laufbahn, dass Malerei, insbesondere gegenständliche Malerei, tot sei, als nicht zutreffend erwiesen. Meine Entscheidung, auf mich zu vertrauen, hat mir sehr viel Glück beschert.

In der Frankfurter Galerie Rothamel zeigten Sie vor kurzem Ihre Ausstellung „Das Loch im Zaun“. Da war etwa die Arbeit „Haunt“ aus dem Jahr 2011 zu sehen: Aus einem alten, mit schwarzen Federn ausgeschlagenen Schrank, reicht eine goldene Hand in die Welt. Ist das eine christliche Metapher?
Nein, nicht bewusst. Mir ging es um das Bild des Verstecks. Wenn sich ein Kind beim Spielen im Schrank versteckt, wird der Schrank zur Zuflucht vor dem Fänger aber auch gleichzeitig durch das Schließen der Tür zum unheimlichen Ort. Geborgenheit und Mulmigkeit sind beide anwesend. Der Schrank ist für mich auch eine Art von Übergang, etwas wie ein Transponder.

Religion, das Geistige, Spirituelle, nimmt einen wichtigen Stellenwert in Ihrer Arbeit ein. Auch das ist heute eher ungewöhnlich …
Mich interessiert die Frage nach dem Metaphysischen in der Tat. Dazu habe ich selber noch keine Antwort. Sind die religiösen Fragmente in mir ein Gebilde, aus denen wieder etwas entstehen kann – oder sind sie auf dem Weg zur gänzlichen Befreiung noch aufzulösen? Mit dieser Ambivalenz leben heute viele Menschen und es ist ein Thema, was sich in unserem Alltag an vielen Stellen zeigt, wo es uns gar nicht bewusst ist.

Gesellschaftskritik, Konsumkritik ist Ihnen nicht fern. Doch auch Ihre Kunst ist eine Ware. Ist das ein Problem, mit dem Sie sich beschäftigen?
Man lernt mit der Zeit, wie der Kunstmarkt funktioniert und auch wie durchschaubar das Ganze ist. Das bedeutet auch, dass man sich immer wieder von den Mechanismen befreien muss, die auf einen einwirken. Ich bin aber auch sehr dankbar dafür, dass meine Bilder gekauft werden, sonst würden wir dieses Interview nicht führen.

Wie man liest, hören Sie beim Malen Hörbücher? Warum?
Die Hörbücher sind für mich eine Art Begleitschutz der Disziplin. Man könnte sagen, es sind akustische  Kokablätter. Funktionieren bei mir noch besser als Musik. Als Quelle der Inspiration dienen sie natürlich auch – wie gute Literatur allgemein.

www.eckarthahn.com

Foto: © Eckart Hahn, Courtesy of Wagner + Partner, Berlin