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GEHARD DEMETZ | ZWISCHEN WERKSTATT UND ATELIER

Ein Besuch beim Südtiroler Bildhauer Gehard Demetz. Seit seiner ersten Einzelausstellung vor genau 10 Jahren im Ausstellungsraum des Vereins „Kreis für Kunst und Kultur“ in St. Ulrich bei Bozen sorgt der Südtiroler Holzbildhauer Gehard Demetz für Schlagzeilen in der internationalen Presse. Nicht nur wegen der für manche Betrachter unbequemen Auseinandersetzung mit Kindern in gewagten Rollenspielen irgendwo zwischen Unschuld und Erwachsensein wird er vom Publikum gleichermaßen umjubelt und verdonnert, sondern auch und vielleicht vor allem wegen seiner Technik, die auf der althergebrachten Tradition der sogenannten „Herrgottschnitzerei“ zurückzuführen ist. Gérard Goodrow sprach mit Gehard Demetz über seine Arbeitsmethoden, seine Ausbildung als Holzbildhauer, und das Leben zwischen Kunst und Kunsthandwerk.

Lieber Gehard, Deine Kunst basiert auf einer uralten Tradition innerhalb der Kirchenkunst, die Du schon als Teenager von der Pike auf gelernt hattest – was übrigens nicht besonders ungewöhnlich ist für die Region, in der Du aufgewachsen bist, nämlich in der italienischen Ortschaft Wolkenstein in Gröden, mitten in einem idyllischen Skigebiet in über 1.500 Metern Höhe. Eine Diaspora für engagierte Gegenwartskunst, oder?
Das stimmt! Aber die Isolation hat sowohl Vorteile als auch Nachteile. Man kann ja z.B. ganz in Ruhe arbeiten, ohne große Ablenkungen. Das ist für mich und meine Arbeitsweise sehr wichtig. Und die günstige Lage von Wolkenstein, an der Grenze zwischen Italien und den deutschsprachigen Ländern ist sicher von Vorteil. So konnte ich viele verschiedene kulturelle Einflüsse und Anregungen aufsaugen und für mich und meine Kunst nützlich machen. Ich reise sehr gerne und mag es, fremde Städte zu besuchen. Doch nach einer Weile muss ich unbedingt zurück nach Wolkenstein, wo ich meine Ruhe finde – Ruhe und Stille, aber auch Abstand, was für mich und meine Arbeit essentiell ist. Ich lese auch viel, um neues zu lernen und meine Vorstellungskraft zu erweitern.

Wie kamst Du dazu, profane Gegenwartskunst mittels einer altmodischen Handwerkstradition zu schaffen, die stark von der Kirche (wie auch von Kitsch) geprägt ist?
Schon als Kind war ich fasziniert von den großen Heiligenstatuen in den Dorfkirchen meiner Heimat. Ich träumte davon, solche imposanten Heiligenfiguren irgendwann mal selber schnitzen zu können. Bernini, Riemenschneider, Ignaz Günter waren damals meine Vorbilder. In gewisser Weise beeinflussen sie mich noch heute.

Es gibt doch eine lange Tradition der Holzbildhauerei in Südtirol, oder?
Genau! In der Region, wo ich geboren und aufgewachsen bin – und heute noch lebe –,  gibt es eine jahrhundertealte Tradition von Holzbildhauerei, die vermutlich ursprünglich aus Polen stammt. Ich war erst 14 Jahre alt, als ich die ersten Skulpturen gemacht hatte. Ich verbrachte die ersten sechs Jahre meiner Ausbildung zum Bildhauer in der Kunstschule in Wolkenstein. Dann wechselte ich 1989 zur Fachschule für Bildhauer, wo ich dann später, von 1996 – 2006 auch selber unterrichtet habe. Während dieser Zeit versuchte ich, meine freie Kunst weiterzuentwickeln. Ich besuchte beispielsweise die Internationale Sommerakademie in Salzburg und machte auch eine Ausbildung beim Bildhauermeister Matthias Resch aus Steinegg, der für seine geschnitzten Heiligenfiguren bekannt ist.

Das Medium spielt in Deiner Kunst eine wesentliche Rolle. Was findest Du so besonders an Holz?
Ich bin von der Wärme und Sanftheit von Holz fasziniert. Es ist ja organisch und somit ideal für meine Arbeiten. Ich nutze fast ausschließlich Lindenholz, denn seine Beschaffenheit ist perfekt für meine Zwecke – es ist relativ weich und die Farbe ist fast monochrom, hell und irgendwie transparent, fast wie Menschenhaut. Da die Maserung kaum sichtbar ist, gibt es keine unnötigen Störungen auf der Oberfläche der fertigen Skulpturen.

Wie nennst Du Deine „Arbeitsstätte“? Ist es ein Atelier oder eher eine Werkstatt? Gibt es für Dich überhaupt einen Unterschied zwischen diesen beiden Begriffen?
Für mich gibt es kaum einen Unterschied. Atelier hört sich nur cooler an. Wobei, wenn man das Wort „Werkstatt“ hört, denkt man eher an Handwerk und Arbeit; und ein Atelier klingt fast romantisch und ist eher ein Ort der Kreativität, des Künstlerdaseins.

Hast Du einen geregelten Arbeitstag? Dein Atelier befindet sich in Deinem Wohnhaus, so dass Du das Haus gar nicht verlassen musst. Bist du, wenn Du bei der Arbeit bist, im Kopf völlig weg von zuhause oder können Deine Frau und Deine Kinder jederzeit ins Atelier reinkommen?
Ich mag keine Leute in meinem Atelier während ich arbeite. Ich spüre ihre Präsenz und das irritiert mich. Meine Werkstatt ist im Wohnhaus, es war meine Entscheidung. Ich trete aus einer Welt aus und begebe mich in eine andere, so empfinde ich das. Mein Arbeitstag ist nicht geregelt, möchte ich auch nicht. Mein Kopf und mein Körper geben mir die Zeiten vor. Ich liebe es, im Herbst und Winter lange zu arbeiten, Frühling hasse ich, denn es raubt mir viel Kraft und ich kann kaum was anstellen.

Bei Deinen Arbeiten sind Gesicht, Hände, Beine – überall wo man Haut sieht – perfekt modelliert. Zuweilen wirkt die Oberfläche wie Marmor. Das Haar und die Kleidung der Kinder sind hingegen eher roh gehauen und kantig. Wie wird das Holz bearbeitet? Welche Werkzeuge benutzt Du?
Es gibt da keine Geheimnisse oder besondere Arbeitsmethoden. Das alles habe ich in der Kunstschule gelernt. Meine Arbeit basiert auf der klassischen Holzbildhauerei. Ich nutze ganz normale Schnitzerwerkzeuge wie Schnitzbeitel, Holzhammer, Schmirgelpapier und andere ganz normale Werkzeuge zum Schnitzen und Raspeln, aber auch eine Motorsäge. Am Anfang jeder Figur steht eine Skizze. Ich mache ständig und überall kleine Skizzen und Zeichnungen zu tausenden Ideen, die mir spontan einfallen – auf Papierschnipsel, Umschläge, alles was ich in die Hände bekomme. Im zweiten Schritt setze ich die grobe Form der Figur aus Holzblöcken zusammen. Es sind kleine Holzblöcke, die wie Module wirken – die Logik hat viel mit Computern zu tun. Die zusammengeleimten Holzblöcke sehen beispielsweise aus wie große Pixel. So kann ich die gewünschte Form Stück für Stück aufbauen, das heißt, ich schaffe zuerst eine Art Plastik. Erst dann beginnt die bildhauerische Arbeit des Abtragens, so dass aus der Plastik eine Skulptur entsteht. Somit habe ich viel mehr Möglichkeiten und Freiheiten, die ich nicht hätte, wenn ich traditionelle Skulpturen machen würde. Auf dieser Weise kann ich also das Holz gleichzeitig formen und schnitzen, d.h. ich kann ja aufbauen und abtragen wie ich möchte, nach meinen eigenen Wünschen und Vorstellungen.

Die Figuren und auch die integrierten Sockel haben „Löcher“, d.h. die Holzblöcke sind nicht immer genau aneinander geklebt, so dass Lücken entstehen in unregelmäßigen Abständen. Man könnte meinen, sie wären irgendwie unfertig. Was hat das für eine Bedeutung?
Es hat sich so ergeben. Ich kann es nicht genau erklären, aber vielleicht hat es etwas damit zu tun, dass die Kinder auch nicht ganz fertig sind. Sie sind in einem Zustand der Transition, von einer Lebensphase oder von einer Bewusstseinsebene in eine andere. Die Rücken sind übrigens auch offen und scheinbar unfertig. Doch viele Heiligenfiguren aus Holz sind ebenfalls auf der Rückseite „unfertig“ . Das hat damit zu tun, dass sie für Nischen konzipiert waren, so dass man den Rücken nie sehen konnte. So hat man Holz und auch Energie gespart, denn der Rücken war sowieso nicht sichtbar. Bei meinen Skulpturen ist das anders. Sie stehen meistens frei im Raum. Der „unfertige“ Rücken ist also sichtbar. Es unterstreicht aber die Idee von Transition. Das hat viel mit meinen Auseinandersetzungen mit Rudolf Steiner zu tun. Laut Steiner erleben Kinder bis ungefähr 6 – 7 Jahre eine Art kollektives Gedächtnis. Bis dahin sind sie unschuldig. Danach erleben sie Scham und Schuld, auch wenn sie im Prinzip noch unschuldig sind. Es geht um das Erwachsenwerden, eine Transition von einem Daseinszustand zum anderen. Ich versuche diese Transition durch die Lücken zwischen den Holzblöcken sowie durch den offenen Rücken irgendwie sichtbar zu machen.

Wie lange arbeitest Du an einer Figur? Hast Du Assistenten?
Es hängt von der Größe und Komplexität der Figur ab, aber im Allgemeinen kann man sagen, dass ich für die kleineren Skulpturen ein paar Wochen und für die größeren bis zu drei Monate brauche, bis ich zufrieden bin und sagen kann, „ja, Du bist nun fertig“. In der Regel arbeite ich alleine. Das Atelier ist relativ klein und ich brauche meine Ruhe, um gut arbeiten zu können. Assistenten stehen meistens nur im Wege und können nicht so präzise arbeiten, wie ich es von ihnen verlange. Also mache ich das meiste lieber selber. Es dauert zwar länger, aber dafür stimmt die Qualität.

Wie hat sich Deine Arbeit bzw. Deine Arbeitsweise geändert, seitdem Du als freischaffender Künstler unterwegs bist?
Am Anfang habe ich Skulpturen für Kirchen gemacht – echte, fromme „Herrgottschnitzerei”. Später verdiente ich mein Geld durch profane Auftragsarbeit – eine lebensgroße Harley Davidson aus Holz zum Beispiel. Das war regelrechtes Kunsthandwerk. Sehr gutes, aber immer noch Handwerk. Ich glaube, man könnte sagen, ich hatte damals eine richtige Werkstatt. Heute ist es anders. Ich nehme keine Aufträge mehr an. Meine Arbeit ist viel intimer geworden und ich arbeite nur für mich selber. Vielleicht habe ich gerade deswegen heute eher ein Atelier. Wer weiß? Und ist es wirklich wichtig?

Foto: Der Südtiroler Bildhauer Gehard Demetz zwischen seinen Holzskulpturen. Foto ©: Michael Dannemann.