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LABORATORIUM FÜR JUNGE KUNST

Ein Ausstellungsraum, der „Ich“ sagt: die Stichting IK in Vlissingen Souburg. In Zeeland gibt es eine sehr sehenswerte Adresse für aktuelle Kunst, die „Stichting IK“, die auf die Initiative des Künstlers Jan van Munster zurückgeht. Van Munster ist einer der bedeutendsten lebenden Künstler der Niederlande, ein Bildhauer, der seit den frühen 70er-Jahren mit konzeptioneller Strenge das Thema Energie (im weitesten Sinne des Wortes) als skulpturale Größe untersucht und in seinen Skulpturen so ungewöhnliche Themen wie Kälte und Wärme, Elektrizität, Radioaktivität, Magnetismus und vor allem Licht behandelt. Zu seinen bekanntesten Arbeiten gehört zweifellos die unfangreiche Serie der „Brainwaves“. Dabei handelt es sich um Neonskulpturen und -installationen, die Ausschnitte aus van Munsters eigenem Elektroenzephalogramm (EEG) verwenden und mit den vergrößerten Schwingungen seiner Hirnströme die eigene Denktätigkeit zur Anschauung und zum Leuchten bringen. Der Name der IK-Stiftung geht auf eine Reihe von Arbeiten zurück, in denen van Munster das Wort IK (niederländisch für: ICH) verwendete, um das Ich, das Subjekt, zu einem skulpturalen Thema zu machen (wobei IK nicht notwendigerweise die Person des Künstlers meint, sondern sich, je nach Kontext, ebenso auf das Kunstwerk selbst, die einzelnen Personen in seiner räumlichen Umgebung bzw. auf den Betrachter beziehen kann).

Die Stichting IK ist beheimatet in Oost-Souburg, einem Vorort der Industriestadt Vlissingen. Sie ist Teil eines architektonischen Ensembles, das sich als eine Art „Gesamtkunstwerk“ präsentiert, wobei sich auf außergewöhnliche Weise öffentliche und private Areale kreuzen: Die Stiftung befindet sich auf einer von einem Wassergraben umschlossenen „Insel“, dem IK-Eiland, dem Privatgelände von Jan van Munster, direkt neben der stark befahrenen Autobahn A 58 und in Sichtweite des wichtigen Seehafens von Vlissingen, des drittgrößten der Niederlande. Überragt wird das Ensemble von einem 35 Meter hohen Wasserturm, einem mit dezenten Art déco-Elementen versetzten formschönen Ziegelbau. Auf die Spitze des Turmes, der ihm u. a. als Atelier dient, hat van Munster einen gläsernen Pavillon als Büro- und Besprechungsraum setzen lassen, von dem aus man einen spektakulären Panoramablick über die Umgebung hat. Errichtet wurde der Turm nach den Plänen des Ingenieurs J.H.J. Kording im Jahre 1939, dem Geburtsjahr von Jan van Munster. Die Identifikation des Künstlers mit dem Bauwerk geht so weit, dass er sein privates, auf kreisrundem Grundriss erbautes Wohnhaus direkt nebenan in exakt den Maßen des 450 Kubikmeter umfassenden Wasserreservoirs des Turmes entworfen hat.

2006 gründete van Munster die IK-Stiftung mit der Absicht, eine Arbeits- und Ausstellungsmöglichkeit für junge Künstler zu schaffen. Nach jahrelanger Bauzeit und nachdem alle bürokratischen Hürden genommen waren, konnten am 3. September 2011 die beiden von van Munster entworfenen Pavillons auf den Grundrissen eines I bzw. K feierlich eingeweiht werden. Obwohl die Stiftung ihre Ausstellungstätigkeit schon während der Bauphase aufgenommen hatte, konnte ihr Programm erst mit Vollendung der Pavillons in vollem Umfang realisiert werden. Kernstück der IK-Stiftung ist das Angebot einer Künstlerresidenz: Drei- bis viermal im Jahr soll sowohl internationalen wie auch regionalen Künstlern die Gelegenheit gegeben werden, im I-Pavillon für ca. vier Wochen zu leben und zu arbeiten und eine Ausstellung im K-Gebäude vorzubereiten. Ab dem 1. Oktober 2012 wird der Niederländer Willem Besselink das Gästeatelier beziehen.

Der Ausstellungspavillon ist trotz aller geometrischen Klarheit und Funktionalität aufgrund der ungewöhnlichen K-Form mit den vier großen Glasflächen an den Schmalseiten eine Herausforderung für jeden ausstellenden Künstler, eine markante Form, der man standhalten muss. Feste Bestandteile des Ausstellungsprogramms sind die Gelegenheit für die Künstler, eine Edition zu fertigen, die von der Stiftung vertrieben wird, sowie die Publikation von Ausstellungskatalogen. Das architektonische Gefüge auf dem IK-Eiland wird durch den Hoek-Pavillon, zu deutsch: Eckpavillon komplettiert, in dem thematisch weiter gefasste zusätzliche Ausstellungen stattfinden. Zuletzt war dort eine Auswahl aus der ebenso qualitätvollen wie umfangreichen, normalerweise nicht öffentlich zugänglichen Privatsammlung von Anno Lampe und Lex Plompen aus Den Haag zu sehen.

Die gesamte Tätigkeit der Stiftung entspringt privatem Engagement. Von der Organisation der Ausstellungen mit Vernissagen, Publikationen und Finissagen, Betreuung von Schulklassen und Besuchergruppen bis hin zur Pflege der Website wäre eine solche Arbeit ohne ehrenamtliche Mitarbeiter nicht möglich. Privates Engagement ist gerade in Zeiten drastischer Einschnitte in die Kulturbudgets, von denen die Niederlande in besonderem Maße betroffen sind, von enormer Wichtigkeit. Das gilt umso mehr, als diese Einsparungen wiederum zur Folge haben, dass die größeren öffentlichen Ausstellungshäuser unter dem Druck stehen, möglichst viel Publikum anzuziehen, was experimentelle Ausstellungsprojekte mit jungen, noch unbekannten Künstlern nahezu unmöglich macht. Die IK-Stiftung ist nicht nur für die Provinz Zeeland mit ihrer überschaubaren kulturellen Infrastruktur von unschätzbarem Wert, sie könnte auch für die vielen (in der Mehrzahl deutschen) Touristen eine Entdeckung abseits der ausgetretenen touristischen Pfade und der üblichen Sehenswürdigkeiten sein. Bleibt zu hoffen, dass sich die Existenz dieser außergewöhnlichen Institution immer mehr herumspricht.

Autor: Peter Lodermeyer

Foto: Luftaufnahme der beiden Pavillons der Stichting IK in Vlissingen Souburg. Foto: © Jan van Munster