Ein Abend in der Düsseldorfer Altstadt  im Jahr 1972. Im „Restaurant Spoerri“ sitzen die Gäste nach einem feudalen Mahl zufrieden um den blauen Tisch. Ein paar Kartoffeln und etwas Gemüse sind übrig geblieben, die Gläser sind noch gefüllt mit Wein, Zigarettenschachteln und Feuerzeuge liegen auf dem Tisch und die Stimmung ist ausgelassen. Bis der Kellner nicht nur das Geschirr abräumt, sondern die gesamte Tischplatte mitsamt allen Dingen darauf entfernt. Zur Erleichterung der Kundschaft verlässt er die Runde jedoch nicht, ohne zu versichern, schnellstmöglich für Ersatz zu sorgen.

Dieselbe Szene spielte sich an jedem Abend dieses Jahres im „Restaurant Spoerri“ ab, denn Restaurantbesitzer, Tänzer und Künstler Daniel Spoerri fertigte eine riesige Auflage seiner weltbekannten „Fallenbilder“ an. Sie entstanden in der Auseinandersetzung mit dem Essen als „sozialem Ereignis“ mit denen der Schweizer in den 1960er Jahren schließlich nach seinem Aufenthalt auf der griechischen Insel Symi die Eat-Art-Bewegung begründete. Für seine auch „Tableaux pièges“ genannten Assemblagen fixiert Spoerri die Überreste einer Mahlzeit mit Kunstharz auf einer Tischplatte, um sie wie ein Gemälde an die Wand zu hängen. Wenn Spoerri aus dem zufälligen Tisch-Arrangement seiner Gäste ein bleibendes Kunstwerk kreiert, schnappt die „Falle“ zu: darin befindet sich ein Stück Alltagswirklichkeit, das für die Nachwelt gefangen ist.

Mit seinen dreidimensionalen Stillleben erfüllt der Objektkünstler und Mitbegründer des „Nouveaux Réalisme“ die neodadaistische Forderung, das reale Leben verstärkt in die Kunst einzubeziehen. Für Spoerri, der in seinem Restaurant zeitweise selbst hinter dem Herd stand und sich als „cuoco secreto“, als „Geheimkoch“ bezeichnet, ist das Kochen Teil der Bildenden Kunst. In seinen Werken und ideenreichen Aktionen beschäftigt er sich mit der Bedeutung von Nahrung für die menschliche Existenz und den sinnlichen Aspekten des Kochens und Essens. Wie stark sind wir von unseren Essgewohnheiten geprägt? Was hat es mit dem Geschmackssinn auf sich? Und was eignet sich eigentlich alles zum Verzehr? Spoerris Experimentierfreude und Kreativität zur Beantwortung dieser Fragen kennt dabei keine Grenzen. So kredenzte er schon Elefantenrüssel und erfand das „Palindromische Diner“, bei dem die normale Menüabfolge scheinbar umgekehrt wurde und die Gäste zuerst einen Espresso serviert bekamen. Was jedoch wie Kaffee aussah, stellte sich beim Geschmackstest als Suppe heraus.

Neben den Arbeiten Daniel Spoerris begegnen uns seit den 1960er Jahren Lebensmittel in den Werken von so manchen Künstlern, die die „Eat Art“ als Schnittstelle zwischen Leben und Kunst fasziniert. Von Joseph Beuys über Roy Lichtenstein bis zu Dieter Roth, der unter anderem Günter Grass‘ „Die Blechtrommel“ und die „Gesammelten Werke“ Hegels zu rund 50 „Literaturwürsten“ verarbeitete. Sie alle zeigten ihre Arbeiten in Spoerris „Eat Art Gallery“, dem ersten Ausstellungsort für „Ess-Kunst“. 1970, zwei Jahre nach der Gründung seines Restaurants, hatte Spoerri die Galerie im darüber liegenden Stockwerk eröffnet. Neben fantasievollen Banketten, die hier veranstaltet wurden, waren auch Spoerris grandiose „Brotteigobjekte“ zu sehen: Nach einem Backvorgang im Ofen quillt Brotteig aus den verschiedensten Alltagsgegenständen wie Bügeleisen, Sandalen und Schreibmaschinen.
Zeitgenössische Künstler, die ebenfalls mit Essbarem experimentieren, setzen sich vermehrt mit den globalwirtschaftlichen, ökologischen und gesellschaftlichen Aspekten von Lebensmitteln auseinander. Kritik an der Konsumgesellschaft findet man bei Thomas Rentmeister, der 2007 einen Einkaufswagen unter einem gewaltigen Zuckerberg begrub. Zeger Reyer setzte sich ebenfalls mit diesem Thema auseinander und sorgte mit seiner „Rotating Kitchen“ bei der Eröffnung der Ausstellung „Eat Art“ in der Kunsthalle Düsseldorf für Furore. Was zunächst wie eine ganz normale Küche aussah – ein eigens konstruierter Raum aus drei Wänden, der mit allen üblichen Möbeln und einer kompletten Ausstattung an Lebensmitteln, Geschirr und Gerätschaften eingerichtet war – setzte sich zum Erstaunen aller Besucher langsam in Bewegung. Dabei verwandelte sich die Küche mit jeder Drehung um die eigene Achse in eine Art Abfallcontainer: Schranktüren sprangen auf, Essen fiel heraus, Teller zerbrachen, alles wirbelte herum wie in einer Waschmaschine und verursachte in dem Raum, der als sozialer Mittelpunkt eine große Rolle in unserem Zuhause spielt, ein unglaubliches Chaos.

Zwar gehört Spoerris Restaurant und Galerie in Düsseldorf der Vergangenheit an, für Freunde von Kunst und Kochen gibt es in der Rheinmetropole jedoch eine kulinarische Alternative: Hier ist Arpad Dobriban mit seiner mobilen Küche unterwegs. Für den Schüler von Nam June Paik und Peter Kubelka stehen die Zubereitung und der anschließende Genuss von Lebensmitteln im Fokus seiner künstlerischen Arbeit. Für seine „kommentierten Speisefolgen“, die der ungarische Künstler seit 1997 entwickelt, bereitet er das Essen vor Ort zu, serviert es seinen Gästen an einer großen Tafel und begleitet die einzelnen Speisen mit Vorträgen. Wer wird nicht neugierig auf das Geschmackserlebnis bei Speisefolgen zu Themen wie „Das Salz in der Suppe“, „Wenn Süß und Salzig tauschen“ oder „Der Wohlgeschmack des Giftes“?

Wer dennoch zu Gast bei dem Begründer der „Eat Art“ sein möchte, muss sich auf den Weg nach Niederösterreich machen. 2009 eröffnete Spoerri in dem kleinen Ort Hadersdorf am Kamp (bei Krems) unter dem Namen „Eat Art & Ab Art“ ein Esslokal, Ereignis- und Ausstellungsort, an dem neben einigen „Fallenbildern“ auch die beeindruckende Kochbuchsammlung des Künstlers zu begutachten sind, der inzwischen auch eigene Kochbücher veröffentlicht hat. Und wer Glück hat, kann im Restaurant sein Menü aus regionalen, hochwertigen Produkten ohne vorzeitige Entfernung der Tischplatte bis zum Ende genießen.

Homepage des Ausstellungshauses von Daniel Spoerri in Hadersdorf. Hier werden neben seinen Werken auch in Wechselausstellungen die seiner Künstlerfreunde ausgestellt: www.spoerri.at

Restaurant „Esslokal“ in Hadersdorf am Kamp, Österreich. Hier kocht Benjamin Schwaighofer und sein Team: www.esslokal.at

Wer sich über Daniel Spoerris Ausstellungen und seine Biografie informieren möchte, findet ausführliche Angaben unter www.danielspoerri.org

Text: Lena Hartmann

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