Francis Kéré. Architektur als gelebte Erfahrung

Text: Alexandra Wendorf

Es gibt Architektur, die schützt. Und es gibt Architektur, die spricht. Die italienischen Palazzi gehören eindeutig zur zweiten Kategorie. Sie sind keine Häuser im großen Maßstab, sondern steinerne Im Oktober vergangenen Jahres begann im mecklenburgischen Plüschow der Bau eines Museums, das wie ein kondensiertes Manifest der Architektur von Francis Kéré wirkt. Mit einem symbolischen ersten Spatenstich startete dort das neue Ehrhardt Museum – Kérés erster Museumsbau in Europa, das bis 2027 soll im kleinen Plüschow in Mecklenburg-Vorpommern fertiggestellt werden soll. Inmitten der norddeutschen Landschaft entsteht ein Gebäude aus Holz und Lehm, durchzogen von einer frei geformten Stampflehmwand, ergänzt durch eine hölzerne Pergola, die klassische Giebelformen der Region aufnimmt. Das Haus soll sich nahezu selbstverständlich in die Wiesenlandschaft einfügen, mit Dachgarten, offenen Übergängen und einer Architektur, die weniger dominiert als vermittelt. Vieles an diesem Entwurf verweist bereits auf jene Haltung, die nun auch die im Taschen Verlag erschienen große Monografie „Francis Kéré. Building Stories“ prägt.

Dass ausgerechnet das Ehrhardt Museum für Fotografie und zeitgenössische Kunst in Mecklenburg zu Kérés erstem europäischen Museumsbau wird, erscheint dabei beinahe folgerichtig. Gewidmet ist das Haus dem Fotografen und Dokumentarfilmer Alfred Ehrhardt, der mit seinen präzisen Naturstudien des Watts, von Muscheln, Dünen und Strukturen der Kurischen Nehrung zu einem bedeutenden Vertreter der Neuen Sachlichkeit wurde. Ehrhardts Fotografien richteten den Blick auf Material, Oberfläche, Rhythmus und die oft übersehene Formensprache der Natur – nicht auf Inszenierung oder Pathos. Gerade darin liegt eine bemerkenswerte Nähe zu Kérés Architekturverständnis. Auch seine Gebäude wirken nie über reine Monumentalität oder spektakuläre Gesten, sondern über Materialität, Atmosphäre und die sinnliche Erfahrung des Raumes. Die geplante 80 Meter lange Stampflehmwand des Museums verweist exemplarisch auf diesen Ansatz: Das Material wird nicht verkleidet oder verborgen, sondern bleibt sichtbar, strukturbildend und erzählerisch präsent. Architektur und Landschaft treten dadurch in einen direkten Dialog – ganz ähnlich wie bei Ehrhardts fotografischem Blick auf die Natur.

Mit „Building Stories“ legt der Taschen Verlag erstmals eine umfassende Monografie zu Kéré vor, die weniger klassischer Architekturband als vielmehr persönliches Werkjournal ist. Auf 444 Seiten versammelt das Buch 26 Projekte, zahlreiche bislang unveröffentlichte Skizzen, Fotografien und Zeichnungen – und vor allem Kérés eigene Stimme. Schon der Titel ist klug gewählt. „Building Stories“ meint hier nicht allein das Erzählen von Architektur, sondern Architektur selbst als soziale Erzählung. Gebäude entstehen bei Kéré niemals isoliert als autonome Formobjekte, sondern aus Gemeinschaften, klimatischen Bedingungen, lokalen Materialien und konkreten sozialen Situationen heraus. Seine Architektur ist daher nicht primär ikonisch, sondern relational. Gerade darin unterscheidet sie sich wohltuend von jenem globalisierten Starkult, der die internationale Architekturwelt lange geprägt hat.

Francis Kéré. building stories, TASCHEN Verlag
Massimo Listri. Italian Palaces, TASCHEN Verlag

Der aus Burkina Faso stammende und in Berlin lebende Architekt wurde 2022 als erster Afrikaner mit dem renommierten Pritzker-Preis ausgezeichnet. Bekannt wurde er vor allem durch die Grundschule in Gando, seinem Heimatdorf – ein Projekt, das bis heute paradigmatisch für seine Haltung steht: gemeinschaftliches Bauen, Nutzung lokaler Ressourcen, klimatisch intelligente Konstruktionen und eine Architektur, die Würde stiftet, ohne monumental auftreten zu müssen. Ursprünglich war Kéré nach Deutschland gekommen, um zu lernen, wie man stabile Gebäude errichtet. Viele seiner mittlerweile vielfach ausgezeichneten architektonischen Lösungen entstanden zunächst aus Knappheit, Improvisation und konkreter Notwendigkeit.

Das Besondere an dem vorliegenden Band ist deshalb auch, dass Kéré seine Projekte nicht theoretisch überhöht. Vielmehr liest sich das Buch stellenweise tatsächlich wie ein Notizbuch oder Tagebuch des Architekten. Gedanken, Zeichnungen und Beobachtungen stehen neben Fotografien fertiger Gebäude. Dadurch entsteht ein ungewöhnlich unmittelbarer Zugang zu seinem Denken. Man versteht schnell, dass seine Architektur stets aus einer Balance von Pragmatismus und Poesie entsteht. Lehm, Holz, Licht, Luftzirkulation und Schatten sind bei ihm keine nostalgischen Rückgriffe auf vermeintlich „ursprüngliches“ Bauen, sondern präzise architektonische Werkzeuge. Seine Gebäude reagieren auf Klima und soziale Nutzung gleichermaßen. Die oft beschworene Nachhaltigkeit erscheint hier nicht als moralische Zusatzebene, sondern als selbstverständlicher Bestandteil guter Architektur.

Räume für Gemeinschaft statt architektonischer Gesten

Diesen Maßstab verliert Kéré auch dort nicht, wo seine Architektur längst international geworden ist. Der Serpentine Pavilion in London etwa, der ihn 2017 weltweit bekannt machte, erscheint in seinen Beschreibungen nicht als spektakuläres Einzelobjekt, sondern als elementarer sozialer Raum. Die baumartige Konstruktion spendete Schatten, sammelte Regenwasser zur Bewässerung der Kensington Gardens und schuf zugleich einen offenen Ort der Begegnung. Architektur erfüllt bei Kéré nie allein eine repräsentative Funktion; sie soll Menschen aufnehmen, Schutz bieten und gemeinsames Leben ermöglichen. Der Raum, so wird immer wieder deutlich, entsteht erst vollständig durch jene, die ihn nutzen und sich in ihm versammeln.

Interessant ist zudem, wie sehr sich das Buch gegen eine als exotisierend empfundene Lesart seines Werkes sperrt. Kéré wird im westlichen Architekturdiskurs oft als Vertreter eines „anderen“, „authentischeren“ Bauens gelesen. Doch gerade Building Stories zeigt, dass seine Projekte weit mehr sind als romantisierte Low-Tech-Architektur. Sie verbinden lokale Bautraditionen mit ingenieurtechnischer Präzision, internationale Erfahrung mit regionalem Wissen sowie soziale Teilhabe mit hoher gestalterischer Qualität.

Francis Kéré. building stories, TASCHEN Verlag
Francis Kéré. building stories, TASCHEN Verlag

So unmittelbar und persönlich Kérés eigene Stimme den Band prägt, so sinnvoll wird diese Perspektive an einigen Stellen durch theoretische Reflexion ergänzt. Besonders hervorzuheben ist der Essay „The Existential Task of Architecture“ des finnischen Architekturtheoretikers Juhani Pallasmaa. Pallasmaa liest Kérés Architektur als eine Form des Bauens, die an menschliche Erfahrung, Wahrnehmung und gelebte Wirklichkeit rückgebunden bleibt. In diesem Zusammenhang verweist er auch auf Ludwig Wittgenstein und dessen berühmten Gedanken, Architektur „immortalizes and glorifies something“. Tatsächlich scheint genau darin ein wesentlicher Kern von Kérés Arbeit zu liegen: Seine Gebäude wollen nicht überwältigen, sondern menschliche Erfahrungen räumlich verdichten und bewahren. Kéré selbst formuliert diese Bewegung sehr viel direkter und zugleich erstaunlich poetisch: „My story begins in a village in sub-Saharan Africa and reaches a thousand places.“

Material, Klima und die Poesie des Einfachen

Auch gestalterisch überzeugt der Band. Das von dem renommierten Amsterdamer Studio Irma Boom entwickelte Design gibt den Materialien Raum, ohne in die heute oft übliche sterile Architekturästhetik zu verfallen. Skizzen dürfen Skizzen bleiben, Prozesse sichtbar werden. Dadurch erhält das Buch eine bemerkenswerte Offenheit und Lebendigkeit.

Besonders spannend ist der Kontrast zwischen frühen Projekten wie den Schulbauten in Gando und jüngeren internationalen Arbeiten wie dem Serpentine Pavilion in London oder nun dem Ehrhardt Museum in Plüschow. Trotz völlig unterschiedlicher Maßstäbe und Kontexte bleibt eine Haltung konstant: Architektur entsteht aus Klima, Gemeinschaft und Bewegung des Menschen im Raum.

Mit Francis Kéré. Building Stories formuliert Kéré deshalb weit mehr als eine klassische Werkschau. Das Buch beschreibt Architektur nicht als abstrakte Theorie oder ästhetische Disziplin, sondern als konkrete kulturelle Praxis, die den Alltag ordnet, Würde schafft, Wissen bewahrt und Begegnung ermöglicht. Gerade in einer Zeit, in der der Begriff der Nachhaltigkeit häufig zur bloßen ästhetischen Formel reduziert wird, wirkt dieser Ansatz bemerkenswert konkret und glaubwürdig. So entsteht ein Architekturband, der nicht nur Gebäude dokumentiert, sondern auch eine Haltung zum Bauen vermittelt und zeigt, dass gute Architektur dort beginnt, wo sich Menschen in ihr wiederfinden.

Zum Autor: Francis Kéré ist ein aus Burkina Faso stammender Architekt und Preisträger des Pritzker-Architekturpreises 2022. Er ist bekannt für seinen wegweisenden Ansatz in den Bereichen Design und nachhaltige Bauweisen. Seine Berufung zum Architekten entspringt seinem persönlichen Engagement für die Gemeinschaft, in der er aufgewachsen ist, sowie seinem Glauben an das transformative Potenzial der Schönheit. Inspiriert von den Besonderheiten des jeweiligen Projektstandorts und dessen sozialem Gefüge arbeiten er und sein Team an Projekten auf vier Kontinenten. Seine früheren und aktuellen Lehraufträge an der TU München, der Harvard Graduate School of Design, der Accademia di Architettura di Mendrisio und der Yale University untermauern sein architektonisches Schaffen.


Francis Kéré. Building Stories

Softcover, 19 x 25,5 cm, 1,7 kg, 444 Seiten, ISBN 978-3-7544-0507-9, Edition: Englisch, hier zu bestellen.


Newsletter

Folgen Sie uns!