Text: Xiao Xiao
Hans-Peter Feldmann ist Janosch in der zeitgenössischen Kunst. Abgesehen davon, dass Feldmann medienübergreifend künstlerisch tätig war, beeindrucken mich seine Werke immer wieder, wie er mit einfachsten Mitteln Fragen aufwarf. Seine Fragen waren zwar sehr simpel gestellt, doch galten sie der Ausgangspunkt für seine künstlerischen Gedanken. Wie bei Janoschs Geschichten lösten Feldmanns Fragen tiefere Gedankenebenen aus, durch die man das Gefühl hat, sein Bewusstsein werde geschärft. Beispielsweise bei der Frage: „Was ist Kunst? Wo fängt sie an und wo hört sie auf? Wer bestimmt, was Kunst ist? Was macht einen Künstler und eine Künstlerin aus?” kreisen die Werke Feldmanns (1941–2023). Der Düsseldorfer Kunstpalast widmet seinem Heimatkünstler in der letzten Ausstellungssaison 2025 seine erste Retrospektive mit rund 80 Werken Feldmanns.
Kunst steht auf dem Kopf
Das erste Werk von Feldmann empfängt die Besucher bereits außerhalb der Ausstellungsräume. Auf der linken Seite des Museumseingangs steht ein Volkswagen auf dem Kopf mit einem spezifischen Kennzeichen D-KP123. Das gesamte Bild mit dem Kennzeichen lässt die Besucher eine politische Interpretation leicht zu. Es ist provokant, aber humorvoll. Erwachsene und Kinder stehen gleichermaßen vor dem umgekippten Auto und denken nach, ob sie darüber lachen sollen und was es zu bedeuten hat.
Bei dieser Installation ist das Spielerische ein wichtiger Punkt: Der Volkswagen ist trotz seiner umgekippten Stellung komplett heil geblieben. Er steht nicht wegen eines Unfalls auf dem Kopf, sondern wurde absichtlich von jemandem auf den Kopf gestellt. Wie aufwendig die Installation ist, lässt sich gut vorstellen. Denn es ist kein Spielauto, sondern ein Auto in seiner realen Größe.
Das ist das Janosch-artige an Feldmanns Kunst: Er macht Grenzüberschreitungen sichtbar, bricht Konventionen, aber nicht in einem aggressiven Stil, der von Künstler/innen als avantgardistisch bezeichnet würde, sondern auf eine unbekümmerte Art und Weise, wie es Kinder tun würden.
Die Retrospektive im Kunstpalast widmet sich den zentralen Themen, die der in Hilden bei Düsseldorf aufgewachsene Konzeptkünstler Feldmann über fünf Jahrzehnte seiner künstlerischen Karriere hinweg entwickelt hat. Das Spannende an der Rezeption seiner Werke sind die Spannungsbögen zwischen Ernsthaftigkeit und Humor, Fiktion und Realität, Vertrautheit und Verfremdung, Ab- und Anwesenheit, Vorder- und Hintergrund usw. Diese Spannungen verleihen Feldmanns Kunst eine unverwechselbare Besonderheit. Der Blick sollte flexibel gehalten werden, sodass er sich nicht nur auf die Werke fokussiert; Der Scheinwerfer kann auch das Umfeld eines Werkes erleuchten – Die Grenze des Kunstwerks ist gerade bei Feldmann mit einer gesamten Theaterbühne zu vergleichen.
Kunst kann alles sein
In dieser Spannung wird die Grenze zwischen Erwachsensein und Kinderseele ständig ausgelotet. Es ist die Grenze zwischen zweckorientierter Vernunft und freier Kreativität eines Unbekümmerten, der sich die Welt gerne unmittelbar anschaut. Gerade wegen dieser Akzentuierung wirkt die Kunst Feldmanns uns sehr nah. Kunst muss keine avantgardistische Idee eines Großartigen tragen, sie kann überall stecken, sogar in den banalsten Gegenständen unseres Alltags. Wenn Kinder anfangen, Geschirrschwämme in einem ästhetisch interessanten Muster zu arrangieren, ist das bereits Kunst! In einer nicht wertenden und nicht wollenden Aufmerksamkeit kann der Blick beginnen, sich zu transformieren, indem er sich zutraut, die ihm vertraute Regelmäßigkeit zu verlassen und in der Befreiung neue Muster zu entdecken, die bis dahin verbogen bleiben.
Ist Kunst so revolutionär? Mit einer politisierten Haltung muss man in Sache Kunst vorsichtig sein, besonders wenn ich beim Verlassen des Kunstmuseums wieder den auf dem Kopf stehenden Volkswagen mit dem Kennzeichen D-KP123 sehe.
Hans-Peter Feldmann. Kunstausstellung
Kunstpalast Düsseldorf. Bis zum 11.1.2026. Weitere Infos: kunstpalast.de
Titelbild: Hans-Peter Feldmann, Familie mit roten Nasen, 2015, Öl auf Leinwand, Courtesy-Galerie Mehdi Chouakri, H.-P.-Feldmann-Estate, Foto: ©2025, VG Bild-Kunst, Bonn



