Text: Arthur Bach
Oft beginnt es ganz unscheinbar: Ein Hauch von Heu liegt in der Luft und plötzlich steht man wieder barfuß auf einem Feld im Spätsommer. Ein bestimmtes Parfüm genügt, und ein geliebter Mensch ist zurück, so lebendig, als würde er gleich aus dem Nichts auftauchen. Kaum ein Sinn führt uns so unmittelbar und ungebremst in die Vergangenheit wie der Geruchssinn. Er trifft uns ohne Vorwarnung, durchdringt den aktuellen Moment und verknüpft ihn mit etwas, das längst vergangen scheint. Und ebenso stark sind die Schattenseiten: Ein stechender, bitterer Geruch kann uns instinktiv den Raum verlassen lassen, lange bevor wir bewusst verstehen, warum. Geruch ist Erinnerung, Gefühl, Orientierung und Warnsignal – ein stilles Archiv unseres Lebens. Studien zeigen, dass wir uns an riechbare Informationen rund 35 Prozent besser erinnern als an solche, die wir nur sehen oder hören. Zudem werden 75 Prozent aller Emotionen durch unseren Geruchssinn ausgelöst. Diese enorme Wirkungskraft erklärt, warum Düfte seit jeher eine so zentrale Rolle in Religion, Ritualen und Kunst spielen – und warum es sich lohnt, ihnen eine Ausstellung zu widmen: „Die geheime Macht der Düfte“ im Kunstpalast Düsseldorf.
Noch bis zum 8. März 2026 entfaltet der Kunstpalast ein ungewöhnlich umfassendes Experiment: eine Ausstellung, die die Nase in den Mittelpunkt rückt. Kuratiert von dem Duftforscher und Parfumeur Robert Müller-Grünow führt die Schau durch über tausend Jahre Kultur- und Kunstgeschichte – nicht über das Auge, sondern über den Geruchssinn. Rund dreißig Duftstationen begleiten historische Objekte, religiöse Artefakte, höfische Kosmetika, zeitgenössische Kunstwerke und Markenwelten. Mal subtil, mal präzise gesetzt, eröffnen die Düfte eigene Erzählungen: Weihrauch evoziert sakrale Räume, Kräutermischungen erinnern an mittelalterliche Apotheken, metallisch-scharfe Akkorde deuten den Geruch von Schlachtfeldern an und das Parfum einer Epoche macht unverhofft eine ganze soziale Welt sichtbar. Für den Kunstpalast wurde sogar ein eigener Museumsduft kreiert: eine Mischung aus Bergamotte, Jasmin und Zedernholz – ein olfaktorisches Leitmotiv, das die Räume wie eine unsichtbare Erzählstimme durchzieht.
Die Ausstellung zeigt eindrucksvoll, wie sehr der Geruchssinn unsere Wahrnehmung formt und dass er zu den evolutionär ältesten Sinnen gehört. Unser Riechorgan ist direkt mit der Amygdala und dem Hippocampus verbunden, den Zentren für Emotion und Gedächtnis. Das ist einer der Gründe, warum Düfte stärker wirken als Bilder oder Worte. Sie müssen nicht erst übersetzt werden, sondern treffen unmittelbar. Für die Kunst bedeutet das, dass Gerüche nicht nur ein ästhetisches, sondern auch ein emotionales Terrain eröffnen. Sie verbinden Betrachter körperlich mit Kunstwerken, noch bevor diese sie „verstehen“ können, und durchbrechen die visuelle Dominanz der Museumswelt. Philosophisch wurde der Geruchssinn lange unterschätzt: Kant hielt ihn für zu körpernah und subjektiv, um Grundlage ästhetischer Urteile zu sein. Die Moderne hat ihn schließlich fast vollständig aus den Museen verbannt. Erst die Gegenwart mit ihrer Hinwendung zu multisensorischen Räumen und Wahrnehmungsforschung entdeckt den Geruch als gestaltbares Medium wieder.
Die Macht der Düfte wurde auch literarisch eindrucksvoll reflektiert, insbesondere in dem Weltbestseller „Das Parfum“ von Patrick Süskind. Die Geschichte des Jean-Baptiste Grenouille erzählt von einem Mann mit einer außergewöhnlichen Geruchswahrnehmung, dessen Leben sich um die Suche nach dem einen perfekten Duft dreht – jenem „Engelsduft“ einer jungen Frau, der für ihn das Höchste und Flüchtigste zugleich ist. Warum diese Suche? Weil Düfte laut Süskind eine unfassbare Macht über Menschen besitzen. Wer die Düfte beherrscht, beherrscht die Herzen der Menschen. Grenouille erschafft Parfums, die Massen verführen und kontrollieren können. Damit zeigt er die dunkle, manipulative Seite der Duftmagie. Diese literarische Allegorie verdeutlicht die enge Verbindung zwischen Düften und Identität, Machtstrukturen, Verführung sowie Kunst.
Ein Wahrnehmungsexperiment
In der Ausstellung wird das Zusammenspiel von Geruch, Erinnerung und kultureller Bedeutung erfahrbar. Betritt man die Räume, stellt man schnell fest, dass hier nicht nur Kunst betrachtet wird, sondern dass die Wahrnehmung selbst zum Thema wird. Kunst erscheint nicht mehr als rein visuelle Erfahrung, sondern als komplexes Zusammenspiel all unserer Sinne. Zwar denken wir meist an fünf Sinne, tatsächlich verfügen wir jedoch über mindestens sieben: Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Tasten, der Gleichgewichtssinn und die Propriozeption, also die Wahrnehmung der eigenen Körperhaltung und Bewegung. Museen arbeiten traditionell fast ausschließlich mit den ersten beiden Sinnen. Doch unsere Wahrnehmung ist ein Geflecht: Geruch strukturiert Räume, Gleichgewicht und Propriozeption bestimmen, wie wir uns durch sie bewegen, Tastsinn und Körpergefühl formen unser emotionales Erleben. „Die geheime Macht der Düfte“ wirkt wie ein Gegenentwurf zur visuellen Dominanz der Kunstbetrachtung. Die Augen treten zurück, die Nase übernimmt – und mit ihr der Körper.
Die Ausstellung wird so zu einem Wahrnehmungsexperiment: Man fragt sich nicht nur, was man sieht, sondern auch, welche Emotionen ein Duft auslöst, welche Erinnerungen er weckt und wie er die Bedeutung eines Kunstwerks verändert. Die Schau zeigt auch die politischen, sozialen und kulturellen Dimensionen des Geruchs – von höfischen Duftinszenierungen über religiöse Rituale bis hin zur Konsumgeschichte und Ideologie. Sie macht sichtbar, wie eng Sinnesästhetik und Macht miteinander verflochten sind.
„Die geheime Macht der Düfte“ ist somit auch ein ästhetisches Forschungsprojekt, eine Einladung zur Selbstwahrnehmung und ein Anstoß zur Reflexion darüber, wie Kunst uns erreicht. Indem der Geruchssinn aktiviert wird, öffnet sich ein neuer Raum der Erinnerung, der Emotion und der Körperlichkeit. Ein Raum, der uns daran erinnert, dass wir unsere Welt nicht nur mit den Augen sehen, sondern mit allen Sinnen erfahren. Der Kunstpalast Düsseldorf erweitert auf subtile Weise unsere Wahrnehmung, indem er den gesamten Körper zum aktiven Betrachter macht. Er zeigt, dass Kunst nicht nur im Auge, sondern im gesamten sensorischen Gedächtnis stattfindet. Die Ausstellung richtet sich an alle, die Kunst nicht nur betrachten, sondern mit allen Sinnen erleben möchten – und an diejenigen, die sich schon einmal gefragt haben, warum sie beim Duft von Heu plötzlich lächeln und ein Gefühl von Glück verspüren.
Die Ausstellung ist noch bis zum 8. März 2026 im Kunstpalast Düsseldorf zu sehen.
Die geheime Macht der Düfte
Kunstpalast Düsseldorf. Die Ausstellung ist noch bis zum 8. März 2026 im Kunstpalast Düsseldorf zu sehen. Weitere Infos: kunstpalast.de
Titelbild: Die Geheime Macht der Düfte, © Foto: Melanie Zanin




