„Filterfelder“ von Christoph Bauer

Text: Alexandra Wendorf

Ein Titel, der keinen Gegenstand beschreibt, sondern einen Zustand: ein Feld, in dem Wahrnehmung hindurchgeht, gefiltert wird, sich verschiebt. Nicht das Was steht im Zentrum, sondern das Wie des Sehens. Die Rede von „Filterfeldern“ beschreibt dabei sehr treffend, was Kunst leistet: Sie filtert Wirklichkeit, Zeitgeschehen und persönliche Erfahrung und macht diese Filter sichtbar.

Die Arbeiten von Christoph Bauer lassen sich nicht in feste Werkgruppen oder klar getrennte Techniken einordnen. Viele entstehen als Solitäre, aus einer fortlaufenden Wechselwirkung zwischen Künstler und Material. Zufall, Reaktion und Experiment sind dabei keine Störungen, sondern zentrale Bestandteile des Arbeitsprozesses. Jedes Material bringt seine eigene Zeitlichkeit, seine eigene Geschichte und seine eigene Bedeutung mit – und genau darauf antwortet die Arbeit, Schritt für Schritt, ohne vorab festgelegtes Ziel.

In seinen skulpturalen Arbeiten verwendet Christoph Bauer Eisen, Kupfer, Blei und Holz, Mixed Media und objets trouvés. Diese Materialien rufen zunächst etwas Archaisches auf: elementare Stoffe von Gewicht und Widerstand, erdhaft, dauerhaft, physisch präsent. Entscheidend ist jedoch, dass sie bei Bauer niemals roh bleiben. Im Gegenteil – sie sind präzise gesetzt und sorgfältig bearbeitet. Bauer setzt sich intensiv mit den spezifischen Eigenschaften der Materialien auseinander: mit ihrem Verhalten, ihren Reaktionen, ihrer kulturellen und historischen Aufladung. 

Christoph Bauer, Filterfelder
Christoph Bauer, Filterfelder

Oxidation wird nicht kaschiert, sondern bewusst eingesetzt. Metall darf reagieren, sich verändern. Blei – ein extrem schweres, historisch belastetes Material – wird nicht neutralisiert, sondern in seiner ganzen Ambivalenz genutzt. Acryl erscheint bei Bauer nicht kühl oder industriell, sondern beinahe flüssig, weich, honigartig. Holz wird exakt, fast chirurgisch genau, mit Metall verbunden. Diese Arbeiten sind den Elementen verbunden und zugleich hochreflektiert in der Ausführung.

Daneben stehen die Zeichnungen. Schraffuren, Verdichtungen, Bewegungen, Farben, abstrakte Formen. Sie sind ungegenständlich, aber man meint, Formen zu erkennen – Insekten, Sterne, Körper, Landschaften, Spuren von Leben. Entscheidend ist: Diese Formen sind nicht gesetzt. Sie entstehen oft erst während des Sehens. Christoph Bauer selbst spricht davon, dass er diese Assoziationen häufig erst im Laufe der Entstehung der jeweiligen Arbeit wahrnimmt. Und jeder Betrachter sieht etwas anderes.

Das erinnert an jene Traumbilder der Surrealisten, in denen sich Motive erst im Blick des Betrachters formieren. Denken wir an Salvador Dalí oder André Breton, die automatische Techniken wie Frottage nutzten, um unbewusste Inhalte freizusetzen – Bilder, die wie Träume wirken und einer Deutung bedürfen. Aber auch hier gilt: Christoph Bauer legt niemanden fest. Es gibt kein richtiges Motiv, keine autorisierte Lesart. Wahrnehmung bleibt offen, diskutierbar, beweglich. 

Besonders aufschlussreich sind in diesem Zusammenhang die neueren Arbeiten: Zeichnungen auf reinem Zeitungspapier, überzogen mit Pigmenten und dichten Schraffuren, die bisweilen an musikalische Notationen erinnern – nicht zufällig, denn Christoph Bauer ist auch ein versierter Musiker. Das gewählte Material ist dabei entscheidend: Zeitungspapier, eigentlich für den schnellen Verbrauch bestimmt, neigt es zur Oxidation, zum Vergilben, zum Zerfall.

Christoph Bauer, Filterfelder
Christoph Bauer, Filterfelder

Bauer zeichnet darauf ungegenständlich, deutet Formen an, ohne sie festzuschreiben. Anschließend werden die Zeichnungen laminiert. Diese Hülle fixiert einen instabilen Zustand und hält einen flüchtigen Moment fest, ohne seine Fragilität zu verleugnen. Die Arbeiten besitzen eine klare Vorderseite, lassen sich jedoch umdrehen – und geben dann ihre Rückseite preis. Erst in diesem Perspektivwechsel entfaltet sich ihre volle Komplexität. Das Werk wird zum Träger von Zeit: transparent, geschützt und zugleich offen für das, was sich erst beim genauen Hinsehen zeigt.

Diese Rückseiten mögen ursprünglich aus dem Prozess heraus entstanden sein, vielleicht auch aus dem Zufall. Doch bei Bauer sind sie kein Nebeneffekt, sondern werden bewusst Teil des Konzepts. Sie bilden ein verborgenes Moment, ein Geheimnis, das sich nur jenen zeigt, die sich intensiv mit dem Werk auseinandersetzen und bereit sind, ihre Perspektive zu wechseln. Gerade darin wird Bauers Ansatz fast buchstäblich erfahrbar: Wahrnehmung hat mehrere Ebenen. Nicht alles zeigt sich auf den ersten Blick. Man muss sich bewegen, den Standpunkt wechseln, bereit sein, mehr als eine Perspektive oder einen Gedanken zuzulassen.

Ergänzt werden diese Arbeiten durch digital bearbeitete Fotografien, die auf Plexiglas gezogen sind. Auch hier geht es nicht um Abbildung. Die Motive – Seen, Spuren, Naturerscheinungen, Landschaftsausschnitte – lösen sich beinahe auf. Was zunächst gegenständlich wirkt, kippt in Fläche, Struktur, Bewegung. Das Plexiglas erzeugt Tiefe, Spiegelung, Distanz. Auch hier entstehen Formen oft erst im Auge des Betrachters.

An diesem Punkt lohnt ein gedanklicher Schritt nach außen. Für Christoph Bauer ist der Schweizer Kulturphilosoph Jean Gebser eine wichtige Bezugsperson. Gebser beschreibt verschiedene Bewusstseinsstrukturen – archaisch, magisch, mythisch, mental und integral – nicht als lineare Abfolge, sondern als Ebenen, die gleichzeitig wirksam sein können.

Mit Jean Gebsers Begriffen lassen sich die unterschiedlichen Ebenen in Bauers Werk präzise benennen. Die skulpturalen Arbeiten aus Metall und Holz entsprechen einer archaischen Struktur: Materie tritt hier unmittelbar hervor, mit Gewicht, Widerstand und eigener Geschichte. Nichts verweist über das Material hinaus – es ist einfach da, präsent.

In den Zeichnungen und Schraffuren verschiebt sich diese Beziehung. Die ungegenständlichen Formen erzeugen Bildräume, in denen Bedeutung nicht festgeschrieben ist, sondern in Bewegung bleibt. Linien verdichten sich, lösen sich wieder auf, Farben leuchten und verwischen, beginnen zu „wirken“, ohne etwas zu benennen. Hier lässt sich von einer magisch-mythischen Struktur sprechen: Bildhaft, energetisch, offen – ein Ausdruck, der Wissen transportiert, ohne es in Sprache zu übersetzen.

Christoph Bauer, Ausstellungsansicht Filterfelder
Christoph Bauer, Ausstellungsansicht Filterfelder

Das Arbeiten auf Zeitungspapier führt eine mentale Ebene ein. Das Material verweist auf Zeit, Öffentlichkeit, Vergänglichkeit; durch das Laminieren wird dieser instabile Zustand reflektiert und bewusst konserviert. Das Werk denkt gewissermaßen über sich selbst nach – über Dauer, Schutz und Veränderung.

Schließlich öffnet sich mit der Möglichkeit, die Arbeiten umzudrehen und ihre Rückseiten zu entdecken, eine integrale Perspektive. Vorder- und Rückseite sind nicht gleichzeitig sichtbar, aber gleichermaßen Teil des Werks. Erst im Wechsel der Betrachtung erschließt sich die ganze Arbeit. Genau darin wird Gebsers integraler Gedanke erfahrbar: Wahrnehmung ist nicht eindimensional, sondern entsteht aus dem Zusammenspiel mehrerer Ebenen, die erst gemeinsam ein Ganzes bilden.

Auch der Bezug zu Platon fügt sich hier ein. Im Höhlengleichnis geht es um Schatten, Projektionen, um die Frage, was wir für Wirklichkeit halten. Christoph Bauer übersetzt diese Frage nicht theoretisch, sondern physisch-materiell. Seine Arbeiten zeigen, dass Wahrnehmung immer gefiltert ist – und dass es unsere Aufgabe ist, diese Filter zu bemerken.

Dabei darf man die politische und gesellschaftskritische Dimension dieser Arbeiten nicht übersehen. Sie ist da – aber sie ist leise. Bauer arbeitet nicht mit Parolen, nicht mit eindeutigen Botschaften. Seine politischen Arbeiten sind keine Anklagen, sondern Spannungsfelder. Sie machen sichtbar, wie fragil Wahrnehmung ist, wie schnell sich Wirklichkeit verfestigt – und wie notwendig es ist, diese Verfestigungen wieder zu öffnen. Darin spricht ein stiller, aber sehr entschiedener Widerstand gegen Vereinfachung und gedankliche Bequemlichkeit.

„Filterfelder“ ist deshalb eine Ausstellung, die Räume schafft: für Wahrnehmung, für Fragen, für Gespräche. Bauers Arbeiten sind eine Aufforderung, den Standpunkt zu wechseln, den eigenen Assoziationen zu trauen – und sie zugleich immer wieder zu hinterfragen. Seine Arbeiten sind vielschichtig, konzentriert und konsequent entwickelt – und gerade deshalb offen, weil sie immer auch aus dem Prozesshaften entstehen. Sie verlangen visuelle und intellektuelle Aufmerksamkeit und fordern uns heraus. Wir, die Betrachter werden sowohl mit neuen Überlegungen, Einsichten und Erkenntnissen belohnt. 


Ausstellung Christoph Bauer „Filterfelder“
11. Januar – 1. Februar 2026 im Kunstraum Bad Honnef (Rathausplatz 3)


Weitere Infos zum Museum und den Ausstellungen: hier.

Website des Künstlers: bauer-kunst-bonn.de

Titelbild: Christoph Bauer, alle Fotos: © Christoph Bauer

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