Text: Alexandra Wendorf
Der neue Taschen-Prachtband „Albrecht Dürer. Sämtliche Gemälde. Ausgewählte Zeichnungen und Druckgrafiken” ist kein Buch, das man nebenbei zur Hand nimmt. Er versammelt erstmals alle bekannten Gemälde des Nürnberger Meisters sowie über 500 Zeichnungen und Druckgrafiken in außergewöhnlicher Qualität und verlangt durch seine physische Präsenz bereits Aufmerksamkeit. Mit fast 800 Seiten, großem Format und beträchtlichem Gewicht setzt es ein deutliches Signal: Für dieses Werk braucht man Zeit, Konzentration und die Bereitschaft zur Vertiefung. Wer sich darauf einlässt, begegnet Dürer jenseits der vertrauten Bildformeln – jenseits der allgegenwärtigen „Betenden Hände“ oder des ikonischen Feldhasen – und entdeckt einen Künstler, dessen Schaffen weit komplexer, reflektierter und moderner ist, als es die gängige Rezeption lange nahegelegt hat.
Der Band widerlegt eindrucksvoll jede Vereinfachung Dürers als „deutscher Maler“: Werke wie das Porträt einer Florentinerin um 1495 demonstrieren eine Raffinesse, die mit italienischen und flämischen Meistern wetteifert – durch feine Malerei und eine Anmutung, die ein humanistisches Verständnis von Individualität atmet. Ebenso provokativ wirkt das Porträt von Dürers Mutter, das soziale Härte und biografische Wahrheit greifbar macht. Die gestochen scharfen neuen Aufnahmen und die detaillierten Texte ermöglichen es, solche Nuancen neu zu entdecken und Dürer als europäischen Künstler zu sehen, dessen Reisen nach Italien und in die Niederlande zentrale Einflüsse prägten.
Dürers Druckgrafik bildet den roten Faden des Bandes. Dies wird dadurch erreicht, dass die über 80 Gemälde nicht isoliert gezeigt, sondern mit über 500 Zeichnungen und Druckgrafiken verknüpft werden. Die essayistischen Kapitel zeichnen Dürers Lebens- und Werkphasen nach und stellen dabei sicher, dass die Druckgrafik nie als Nebenmedium erscheint, sondern als durchgehendes Leitmotiv seines Denkens sowie als Scharnier zwischen Kunst, Wissen und Öffentlichkeit – von den frühen Blättern der 1490er Jahre bis zu den späten, ernüchterten Visionen nach Reformation, Kriegsangst und Krankheit.

Wenn man Albrecht Dürer heute als einen der herausragenden Künstler der europäischen Renaissance bezeichnet, dann liegt das nicht allein an der Qualität seiner Gemälde. Es liegt ebenso – vielleicht sogar entscheidender – an seiner Rolle als Grafiker, Publizist und Organisator der eigenen Kunst. Kaum ein Künstler seiner Zeit verstand so früh und so konsequent, dass künstlerische Größe zu seiner Zeit nicht mehr nur im Atelier, sondern auch im Medium der Verbreitung entschieden wurde.
Die Druckgrafik – Holzschnitt und Kupferstich – war um 1500 keine Nebengattung mehr, sondern ein revolutionäres Medium. Technisch beruhte sie auf der Möglichkeit, ein Bildmotiv in eine Druckplatte zu schneiden oder zu gravieren, es einzufärben und in hohen Auflagen auf Papier zu drucken. Entscheidend war dabei nicht allein die Technik, sondern auch ihre kulturelle Wirkung. Bilder konnten plötzlich zirkulieren, unabhängig vom Ort ihrer Entstehung.
Albrecht Dürer, die Druckgrafik und die Erfindung des modernen Künstlers
Für Künstler bedeutete das eine tiefgreifende Verschiebung. Während Gemälde ortsgebunden waren – beispielsweise in Form von Altären, Privatkapellen oder Fürstenhöfen –, konnten Drucke überregional gehandelt, gesammelt, kopiert und studiert werden. So machten sie Künstler auch dort sichtbar, wo sie nie persönlich gewesen waren. Die Druckgrafik wurde damit zu einem frühen Medium der künstlerischen Öffentlichkeit.
Albrecht Dürer erkannte diese Möglichkeiten früher und konsequenter als viele seiner Zeitgenossen. Bereits in den 1490er-Jahren begann er, großformatige Holzschnittfolgen wie die „Apokalypse“ zu entwerfen, die sowohl künstlerisch ambitioniert als auch strategisch kalkuliert waren. Sie trugen sein Monogramm „AD“, fungierten als Wiedererkennungszeichen und markierten einen bewussten Anspruch auf Urheberschaft.
Dürer war dabei nicht nur Gestalter, sondern auch Unternehmer. Er organisierte den Druck, kontrollierte die Qualität der Abzüge und regelte den Vertrieb. Dass er sich juristisch gegen Raubkopien wehrte – etwa in Venedig –, ist gut dokumentiert und zeigt, wie sehr er sein Werk als geistiges Eigentum begriff. In einer Zeit, in der das moderne Urheberrecht noch nicht existierte, war das ein bemerkenswert fortschrittliches Selbstverständnis.
Zur Werkstattökonomie gehörte auch eine Arbeitsteilung, die lange unterschätzt wurde. So übernahm Dürers Ehefrau Agnes Dürer nachweislich zentrale Aufgaben im Vertrieb der Druckgrafik. Zeitgenössische Quellen berichten, dass sie Drucke auf Messen, beispielsweise in Frankfurt oder Leipzig, verkaufte und die geschäftliche Seite des Unternehmens organisierte.
Diese Tätigkeit war keineswegs nebensächlich. Der Erfolg der Druckgrafik beruhte auf Netzwerken, Handelswegen und Marktkenntnissen. Damit agierte Agnes Dürer als eine frühe Akteurin im Kunsthandel – nicht als Künstlerin, wohl aber als unverzichtbare Partnerin in einem System, das Kunst und Ökonomie eng miteinander verband.
Die Druckgrafik ermöglichte nicht nur Bekanntheit, sondern auch künstlerischen Austausch. Künstler lernten einander zunehmend über Bilder kennen. Italienische Kompositionen, niederländische Landschaften und antike Proportionsstudien zirkulierten in Form von Drucken durch Europa. Dürer selbst studierte italienische Vorbilder zunächst anhand von Grafiken, bevor er sie auf seinen Reisen nach Venedig (1494/95 und 1505/07) persönlich kennenlernte.
Umgekehrt wirkten Dürers eigene Drucke weit über den deutschsprachigen Raum hinaus. Seine Kupferstiche wurden in Italien ebenso rezipiert wie in den Niederlanden und beeinflussten Künstler, die ihm nie begegnet waren. Die Druckgrafik fungierte somit als eine Art visuelles Kommunikationssystem der Renaissance.
Dürer und der Humanismus
Diese Offenheit für Austausch und Wissen verbindet Dürer eng mit dem Humanismus seiner Zeit. Er stand in Kontakt mit führenden humanistischen Gelehrten, darunter Erasmus von Rotterdam, den er 1526 porträtierte – nicht als höfischen Repräsentanten, sondern als Denker. Auch Dürers theoretische Schriften zur Proportion und zur Befestigungslehre zeugen von einem humanistischen Ideal: Kunst als wissensbasierte Disziplin und nicht als bloßes Handwerk.
Im Vergleich zu seinen italienischen Zeitgenossen Leonardo da Vinci und Michelangelo nahm Dürer eine besondere Position ein. Er war kein Hofkünstler im engeren Sinne, sondern bewegte sich zwischen Werkstatt, Markt und Gelehrtenkreis. Gerade diese Zwischenstellung machte ihn zu einer Schlüsselfigur der nördlichen Renaissance.
Dürers Bedeutung liegt somit weniger im singulären Genie-Mythos als in der Verknüpfung von Kunst, Theorie und Distribution. Er nutzte die technischen Möglichkeiten seiner Zeit nicht beiläufig, sondern strategisch. Die Druckgrafik war für ihn kein Ersatz für die Malerei, sondern ein eigenständiges Medium, das Reichweite, Austausch und Selbstvergewisserung ermöglichte.
In dieser Perspektive erscheint Dürer als ein Künstler, der die Bedingungen moderner Kunstproduktion vorwegnahm: Sichtbarkeit, Autorschaft, Markt und intellektueller Anspruch bilden bei ihm kein Spannungsverhältnis, sondern ein System.
Der neue Dürer-Band macht diese Dimensionen sichtbar, indem er sie konsequent dokumentiert, statt sie spektakulär in Szene zu setzen. Wer das großformatige Buch aufschlägt, begegnet nicht nur einem großen Künstler, sondern auch einer Epoche, in der Bilder begannen, sich selbstständig in der Welt zu bewegen.
Die Kapitel des Bandes sind nach Lebensstationen von den 1490er Jahren bis 1528 strukturiert und beleuchten Einflüsse wie Reformation und Kriegsängste. Angaben zu Technik, Maßen und Standorten ergänzen die Kapitel. Im Abschnitt „Der Mensch” kulminiert die humanistische Kraft: Porträts wie das von Elisabeth Tucher (1493) oder Bilder von „Adam und Eva” (1507) zeigen eine fantastische Körperlichkeit und Weltwahrnehmung. Besonders eindrucksvoll ist „Christus als Schmerzensmann“ aus dem Jahr 1493, das einen zweifelnden, modern wirkenden Jüngling darstellt und an Dürers frühes Selbstporträt erinnert. Studien zum Akt, zu Händen, Köpfen, Kleidern und Werkzeugen sowie phantastische Mischwesen und Allegorien zeigen, wie ernst Dürer den menschlichen Körper als Träger von Wissen, Begehren und Verletzlichkeit nimmt.
Grafik wird zum Labor der Möglichkeiten
Durch die Verbreitung der Druckgrafik wird dieser Körper zu einer Art Denkfigur und ist in Gelehrtenstudierstuben, Ratsstuben, Bürgerhäusern und Klöstern verfügbar. Holzschnitte und Kupferstiche dienen dabei nicht nur der Illustration, sondern auch als Labor für eine neue Bildanthropologie, in der Körper, Emotionen und Weltbeobachtung systematisch erforscht werden. Zyklen wie die „Apokalypse” oder Einzelblätter zu Moral und Natur entfalten sich als Reflexionen über Macht, Zweifel und Sinnlichkeit und waren für ein gebildetes Publikum bestimmt, das von Gelehrten bis Bürgern reichte. Der vorliegende Band integriert diese Werke immer wieder organisch mit Gemälden, sodass sich ein Ganzes ergibt. Die feinen Linien von Federn, Händen oder Engeln – wie der „Kopf des lautenspielenden Engels“ von 1506 – offenbaren eine Präzision, die mit der Michelangelos vergleichbar ist.
Die hervorragenden Reproduktionen überzeugen durch eine Präzision und Farbtreue, die den Originalen außergewöhnlich nahekommen. Dies ist das Ergebnis einer fast zehnjährigen Produktionszeit, an der Benedikt Taschen persönlich beteiligt war. Der Band eignet sich aufgrund dieser aufwändigen Ausführung weniger zum flüchtigen Durchblättern als zum konzentrierten Studium: Ein Blatt pro Tag, ein Text, ein Vergleich – und allmählich tritt Dürers berühmtes AD-Monogramm hervor. Es ist nicht nur eine Signatur, sondern auch ein frühes Zeichen künstlerischer Selbstbehauptung und ein bewusst gesetztes Symbol individuellen Denkens. Nicht alles an diesem Buch ist neu und das will es auch nicht sein. Doch vieles, was es zeigt, schärft den Blick und verschiebt die Perspektive: Dürer erscheint weniger als entrückter Mythos, sondern als wacher, hochreflektierter Mensch seiner Zeit – und ihr zugleich voraus. Der Band richtet sich an Leserinnen und Leser mit kunsthistorischem Interesse und der Bereitschaft zur Vertiefung. Er belohnt Geduld mit Erkenntnis. Durch die Verbindung von wissenschaftlicher Sorgfalt und ästhetischer Konsequenz leistet er einen bedeutenden und langfristig wirksamen Beitrag zur Dürer-Rezeption im 21. Jahrhundert.
Über die Autoren
Christof Metzger studierte Kunstgeschichte und Archäologie an der Universität Augsburg und promovierte 1999. 2011 trat er in die Albertina Wien ein, wo er seit 2014 als Chefkurator tätig war. Er veröffentlichte zahlreiche Bücher und Essays zur Kunst der Dürer-Zeit und kuratierte mehrere Ausstellungen.
Julia Zaunbauer studierte Kunstgeschichte, Germanistik und Keltologie in Wien, Paris und Edinburgh. Sie ist als Kuratorin in der Albertina, Wien beschäftigt und war an mehreren Ausstellungen und Publikationen zu Albrecht Dürer und der Kunst um 1500 beteiligt.
Nach seinem Studium der Kunstgeschichte und Archäologie an der Universität Wien arbeitete Karl Schütz ab 1972 zunächst als Kurator, von 1990 bis 2011 als Direktor an der Gemäldegalerie des Kunsthistorischen Museums in Wien. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen die niederländische und flämische Malerei, die deutsche Malerei des frühen 16. Jahrhunderts, die höfische Porträtmalerei und die Geschichte der Sammlung der Gemäldegalerie.
Albrecht Dürer. Sämtliche Gemälde. Ausgewählte Zeichnungen und Druckgrafiken
Hardcover mit Ausklappseiten, 798 Seiten, ISBN 978-3-8365-8143-1, 2025, erschienen im Taschen Verlag, 175 Euro, hier zu bestellen.
Titelbild: Albrecht Dürer, Bildnis des Michael Wolgemut, 1516, Öl auf Lindenholz, Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum






