Text: Alexandra Wendorf
Manchmal kreuzen sich in der Kunstgeschichte Lebenswege nur für einen kurzen Moment – und hinterlassen dennoch Spuren, die Jahrzehnte überdauern. Die Ausstellung „Visionen der Moderne – August Macke und Max Ernst“ widmet sich einer solchen Begegnung. Aus Anlass des 50. Todestages von Max Ernst blickt das August-Macke-Haus auf die gemeinsame Zeit zweier Künstler zurück, deren Lebenswege unterschiedlicher kaum hätten verlaufen können.
Dass August Macke und Max Ernst heute oft als Vertreter verschiedener künstlerischer Welten wahrgenommen werden, lässt leicht vergessen, wie eng ihre frühen Jahre miteinander verbunden waren. Max Ernst war regelmäßiger Gast im Bonner Wohnhaus der Familie Macke. 1913 nahm er erstmals an einer Ausstellung der Rheinischen Expressionisten teil – organisiert von August Macke selbst. Bonn war für beide mehr als nur ein geografischer Bezugspunkt; die Stadt bildete einen kulturellen Ort, in dem sich künstlerische Ideen, Freundschaften und neue Ausdrucksformen entwickelten.
Die Ausstellung setzt genau an diesem gemeinsamen Ausgangspunkt an. Sie verfolgt die frühen künstlerischen Anfänge Ernsts im Umfeld des Rheinischen Expressionismus und zeigt, welche Verbindungen zwischen seinem Werk und demjenigen Mackes bestehen. Dabei werden weniger stilistische Gemeinsamkeiten als vielmehr geistige Verwandtschaften sichtbar. Beide Künstler interessierten sich für vergangene Kunstepochen, beide verfügten über einen ausgeprägten Sinn für Humor und spielerische Bildideen, und beide verstanden Kunst als Möglichkeit, die Wirklichkeit nicht einfach abzubilden, sondern neu zu denken.

August Macke
Begrüßung, 1912
Linolschnitt, 23,8 × 19,5 cm, Museum August Macke Haus
Max Ernst
Von der Liebe in den Dingen, 1914
Aquarell auf Papier, 23 × 16 cm, Kunstmuseum Bonn © VG Bild-Kunst, Bonn 2025

Gleichzeitig macht die Schau deutlich, wie stark historische Ereignisse künstlerische Biografien prägen können. Der Erste Weltkrieg markiert eine tiefe Zäsur. Während August Macke bereits 1914 im Alter von nur 27 Jahren an der Front fällt, beginnt für Max Ernst erst die lange Entwicklung, die ihn zu einem der bedeutendsten Dadaisten und Surrealisten des 20. Jahrhunderts werden lässt. Knapp 85 Lebensjahre stehen den nur 27 Jahren Mackes gegenüber – und doch hinterließen beide ein Werk von außergewöhnlicher Dichte und Bedeutung.
Besonders reizvoll ist dabei der Blick auf die unterschiedlichen Vorstellungen von Wirklichkeit. Mackes Bilder zelebrieren häufig die sichtbare Welt: Licht, Farbe, Bewegung und das moderne Leben werden zu harmonischen Bildräumen verdichtet. Max Ernst hingegen entwickelt später jene Bildwelten, die Traum, Unterbewusstsein und Fantasie miteinander verschmelzen lassen. Die Ausstellung zeigt, dass diese scheinbaren Gegensätze einen gemeinsamen Ursprung besitzen: die Suche nach neuen Formen des Sehens.
Freundschaft und Inspiration, Brüche und Möglichkeiten
Rund 80 Werke – darunter Gemälde, Grafiken, Skizzen, Skulpturen, Fotografien und historische Dokumente – zeichnen diese Entwicklung nach. Dabei entsteht nicht nur ein Dialog zwischen zwei Künstlern, sondern auch ein Panorama der rheinischen Moderne zu Beginn des 20. Jahrhunderts.
Besondere Aufmerksamkeit gilt zudem zwei Frauen, ohne die die Geschichte dieser Künstler kaum zu erzählen wäre: Luise Straus und Elisabeth Gerhardt. Während Luise Straus als Kunsthistorikerin, Journalistin und erste Ehefrau Max Ernsts wichtige intellektuelle Impulse setzte, war Elisabeth Gerhardt als Ehefrau August Mackes zentrale Begleiterin und Vertraute seines Schaffens. Die Ausstellung rückt damit auch jene Persönlichkeiten ins Licht, die lange Zeit im Schatten der großen Künstlernamen standen, obwohl sie maßgeblich zu deren Werk und Wirkung beitrugen.
Somit erzählt „Visionen der Moderne“ letztlich nicht nur von August Macke und Max Ernst. Die Ausstellung erzählt von Freundschaft und Inspiration, von Brüchen und Möglichkeiten, von den Hoffnungen einer jungen Künstlergeneration und von den unterschiedlichen Wegen, die die Moderne im 20. Jahrhundert einschlagen sollte. Gerade in Bonn, wo diese Geschichte ihren Ausgang nahm, erhält dieser Blick auf die Anfänge eine besondere Intensität.
Visionen der Moderne – August Macke und Max Ernst
April – 23. August 2026
Weitere Informationen und Termine: august-macke-haus.de
Abbildung Titelbild: August Macke, Abstraktes Muster III, 1913-14, Stickerei auf Kissen, Museum August Macke Haus

