Die Macht der Geschichten

Text: Alexandra Wendorf

Über das Erzählen, die Verführungskraft der Bilder und George Lucas’ Museum of Narrative Art Materialien altern. Andere setzen Patina an. Und dann gibt es Lack.

Geschichten bestimmen unseren Alltag. Sie begegnen uns in politischen Reden und Wahlkämpfen, in der Werbung, in den sozialen Medien, in der Erziehung sowie selbstverständlich in Literatur, Film und Kunst. Unternehmen erzählen von ihrer Herkunft, Politiker von der Zukunft ihres Landes und Menschen von ihrer Biografie. Selbst wissenschaftliche Erkenntnisse werden zunehmend in Geschichten übersetzt, um sie einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Wer heute etwas vermitteln oder Menschen für eine Idee gewinnen möchte, kommt offenbar kaum noch ohne Storytelling aus.

Das Erzählen ist allerdings keine Erfindung unserer Zeit. Neu ist vielmehr, dass eine der ältesten menschlichen Ausdrucksformen zu einer professionell eingesetzten Kommunikationstechnik geworden ist. Storytelling wird gelehrt, analysiert und gezielt eingesetzt, um eine bestimmte Wirkung zu erzielen. Es hat sich zu einem nahezu universellen Instrument der Vermittlung und Überzeugung entwickelt. Dabei stellt sich die Frage, worin die eigentümliche Kraft der Erzählung besteht. Weshalb lassen wir uns von Geschichten mitunter stärker beeindrucken als von überprüfbaren Tatsachen? Und weshalb kommt der Kunst des Erzählens in einer Zeit, in der uns Informationen nahezu unbegrenzt zur Verfügung stehen, eine so große Bedeutung zu?

Die Geschichte des Erzählens ist zugleich die Geschichte der menschlichen Vorstellungskraft. Über Jahrtausende hinweg wurden Erfahrungen, Kenntnisse, Glaubensvorstellungen und Regeln des Zusammenlebens mündlich weitergegeben. Mythen erklärten die Entstehung der Welt, religiöse Überlieferungen vermittelten moralische Ordnungen und Heldengeschichten stifteten gemeinsame Vorstellungen von Mut, Macht und Gemeinschaft. Auch Bilder dienten bereits früh dazu, Erfahrungen und Vorstellungen über den Augenblick hinaus festzuhalten. Wenngleich sich die prähistorischen Höhlenmalereien beispielsweise nicht ohne Weiteres als zusammenhängende Geschichten deuten lassen.

Was eine Erzählung ausmacht, ist nicht die bloße Abfolge von Ereignissen, sondern der Zusammenhang, in den sie gestellt werden. Eine Geschichte verbindet Geschehnisse durch zeitliche, ursächliche oder sinnstiftende Beziehungen. Sie umfasst handelnde Figuren, Entwicklungen, Erwartungen und Konflikte. Dadurch erhalten einzelne Ereignisse eine Bedeutung, die über das unmittelbar Geschehene hinausreicht.

Geschichten eröffnen Räume des Möglichen

Bereits Aristoteles beschäftigte sich in seiner Poetik mit diesen Zusammenhängen. Dabei unterschied er sich grundlegend von seinem Lehrer Platon, der die Dichtung aufgrund ihres nachahmenden Charakters und der Möglichkeit, sich von der Wahrheit zu entfernen, mit erheblichem Misstrauen betrachtete. Aristoteles erkannte hingegen gerade in der dichterischen Gestaltung eine besondere Erkenntnismöglichkeit. Während der Geschichtsschreiber von dem berichtet, was tatsächlich geschehen ist, erzählt der Dichter von dem, was geschehen könnte. Seine Aufgabe besteht nicht in der Wiedergabe einzelner Tatsachen, sondern in der Darstellung des Möglichen und Wahrscheinlichen. Deshalb hielt Aristoteles die Dichtung in gewisser Hinsicht sogar für philosophischer als die Geschichtsschreibung, da sie über den Einzelfall hinaus allgemeine menschliche Erfahrungen und Zusammenhänge sichtbar machen kann.

Dieser Gedanke ist für unser heutiges Verständnis von Narration von erstaunlicher Aktualität. Geschichten handeln nicht allein von der Vergangenheit oder der gegenwärtigen Wirklichkeit. Sie eröffnen Räume des Möglichen. Sie lassen uns Situationen, Entwicklungen und Lebensentwürfe vorstellen, die noch nicht existieren. Hoffnung, Sehnsucht und gesellschaftliche Visionen erhalten in ihnen eine anschauliche Gestalt. Die Fantasie erschafft Bilder einer denkbaren Zukunft und kann damit Erwartungen wecken, die unser Denken und Handeln beeinflussen.

Gerade diese subtile Wirkung macht Narrative so mächtig. Eine Erzählung muss keine überprüfbaren Tatsachenbehauptungen enthalten, um unsere Vorstellungen zu verändern. Sie kann Möglichkeiten vor Augen führen, die wir allmählich als realistisch, erstrebenswert oder sogar selbstverständlich empfinden. So kann aus einer imaginierten Zukunft ein Maßstab für die Gegenwart werden. Manche Erzählungen ähneln in dieser Hinsicht einem Versprechen, ohne ausdrücklich eines abzugeben. Sie erzeugen Erwartungen, deren Verbindlichkeit weniger aus ihrem Wahrheitsgehalt als aus unserer eigenen Vorstellungskraft entsteht.

Die von Aristoteles beschriebene dichterische Freiheit ist allerdings nicht ohne Weiteres auf die öffentliche Kommunikation übertragbar. Während in der Literatur das Mögliche erkundet werden darf, müssen politische Versprechen und Aussagen über gesellschaftliche Wirklichkeit an überprüfbaren Tatsachen und ihren tatsächlichen Voraussetzungen gemessen werden.

N. C. Wyeth, The Storybook, cover for Ladies‘ Home Journal, March 1922, Oil on canvas, Lucas Museum of Narrative Art, Los Angeles. © N. C. Wyeth, TASCHEN Verlag
Jessie Willcox Smith, Cover for The Bed-Time Book, 1907, Watercolor and charcoal, on board, Lucas Museum of Narrative Art, Los Angeles. © Jessie Willcox, TASCHEN Verlag

Narration vermittelt Informationen und Botschaften

Die Geschichte der Narration ist eng mit der Entwicklung ihrer medialen Formen verbunden. Die antike Rhetorik untersuchte die Überzeugungskraft sprachlicher Darstellung. Das Christentum machte biblische Erzählungen zum Ausgangspunkt einer reichen Bildkultur. Mittelalterliche Fresken, Altäre und Bilderhandschriften veranschaulichten religiöse Vorstellungen, lange bevor der Großteil der Bevölkerung lesen konnte. Der Buchdruck veränderte die Verbreitung von Geschichten, der Roman erschloss neue Formen individueller Erfahrung und Fotografie sowie Film schufen weitere Möglichkeiten, Wirklichkeit darzustellen und zu interpretieren.

Im 20. Jahrhundert wurde die Erzählung schließlich selbst zum Gegenstand systematischer wissenschaftlicher Untersuchungen. Während die Narratologie ihre Strukturen erforschte, untersuchten Denker wie Roland Barthes, Gérard Genette und Paul Ricœur das Verhältnis von Erzählung, Zeit, Bedeutung und Identität. Geschichten erschienen nun nicht mehr nur als künstlerische Ausdrucksform, sondern auch als grundlegende Weise, in der Menschen Erfahrungen ordnen und ihrem Leben Zusammenhang verleihen.

Die besondere Wirkung einer Erzählung beruht darauf, dass sie abstrakte Sachverhalte in konkrete Erfahrungen übersetzen kann. Eine Statistik über Migration beschreibt Größenordnungen und Entwicklungen. Die Geschichte einer einzelnen Familie vermittelt hingegen, was Flucht, Verlust oder Neuanfang für Menschen bedeuten können. Beide Formen erfüllen unterschiedliche Aufgaben. Während Zahlen Zusammenhänge sichtbar machen, eröffnet die Erzählung einen Zugang zur individuellen Erfahrung.

Dabei kann ihre emotionale Überzeugungskraft die Frage nach dem Wahrheitsgehalt überlagern. Eine bewegende Geschichte muss nicht repräsentativ sein und ein plausibler Zusammenhang muss nicht der tatsächlichen Ursache entsprechen. Die Fähigkeit, Komplexität verständlich zu machen, birgt jedoch auch die Möglichkeit ihrer Verzerrung.

Wenn Narration zum Narrativ wird

In der öffentlichen Kommunikation ist heute häufig von „Narrativen” die Rede. Damit ist mehr gemeint als die einzelne Geschichte. Narrative sind übergreifende Deutungsmuster, die Ereignissen einen bestimmten Sinn verleihen. Dazu gehören die Vorstellung vom gesellschaftlichen Aufstieg durch eigene Leistung ebenso wie die Erzählung von einem verlorenen goldenen Zeitalter oder einer Gemeinschaft, die sich gegen äußere Bedrohungen behaupten muss.

In der Politik sind solche Narrative ein wesentlicher Bestandteil der öffentlichen Auseinandersetzung. Politische Programme bestehen aus Maßnahmen, Zahlen und rechtlichen Regelungen. Ihre Vermittlung verbindet sich jedoch mit Vorstellungen davon, woher eine Gesellschaft kommt, in welcher Lage sie sich befindet und welche Zukunft möglich erscheint. So entsteht aus einzelnen politischen Forderungen eine Erzählung über den Zustand und die Entwicklung eines Gemeinwesens.

Das ist nicht grundsätzlich manipulativ. Gesellschaftliche Verständigung benötigt gemeinsame Begriffe und nachvollziehbare Deutungen. Problematisch wird es jedoch, wenn Narrative an die Stelle überprüfbarer Tatsachen treten, Widersprüche ausblenden oder die Wirklichkeit auf einfache Gegensätze reduzieren.

Auch in der Erziehung spielen Erzählungen seit jeher eine zentrale Rolle. Märchen, Fabeln und Kinderbücher vermitteln Erfahrungen mit Angst, Moral (man denke nur an Struwwelpeter), Gerechtigkeit und Verantwortung, ohne diese zunächst abstrakt erklären zu müssen. Literatur ermöglicht Perspektivwechsel und eröffnet einen Raum, in dem sich menschliche Konflikte und Widersprüche gedanklich durchspielen lassen.

Mit den digitalen Medien haben sich die Geschwindigkeit, die Reichweite und die Gestaltung des Erzählens grundlegend verändert. Bilder, Videos, Sprache, Schrift und Musik verbinden sich zu immer neuen medialen Formen. Soziale Plattformen begünstigen durch ihre Aufmerksamkeits- und Empfehlungsmechanismen häufig kurze, emotional wirksame und unmittelbar verständliche Inhalte. Während die technischen Möglichkeiten der Kommunikation wachsen, nimmt zugleich der Druck zu, immer komplexere Sachverhalte in möglichst eingängige Geschichten zu übersetzen.

Die Wirklichkeit konkurriert gewissermaßen mit ihrer Erzählung. Wer die Mechanismen des Storytellings kennt, kann deshalb nicht nur selbst wirksamer kommunizieren, sondern auch die Geschichten anderer besser einordnen.

Dorothea Lange, Towards Los Angeles, 1937, Gelatin silver print, Lucas Museum of Narrative Art, Los Angeles. © Dorothe Lange, TASCHEN Verlag
Norman Rockwell, Going Out, Cover for The Saturday Evening Post, October 21, 1933, Oil on canvas, Lucas Museum of Narrative Art, Los Angeles. © Norman Rockwell, TASCHEN Verlag

Das Lucas Museum of Narrative Art in Los Angeles

Vor diesem Hintergrund erhält ein Museumsprojekt besondere Aktualität, das auf den ersten Blick vor allem mit der Geschichte des amerikanischen Kinos verbunden zu sein scheint: das Lucas Museum of Narrative Art in Los Angeles.

Dass ausgerechnet George Lucas ein Museum der erzählenden Kunst gegründet hat, liegt nahe. Mit „Star Wars” schuf er eine der bekanntesten Erzählwelten des modernen Kinos. Seine Filme greifen archetypische Motive auf: die Reise des Helden, den Kampf zwischen Gut und Böse, die Versuchung durch Macht und die Suche nach Identität. Ihr Erfolg beruht auf der Verbindung moderner filmischer Technik mit mythischen Erzählstrukturen, die weit in die Menschheitsgeschichte zurückreichen.

Doch Lucas’ Museum ist keineswegs eine Würdigung seiner eigenen Filmgeschichte. Gemeinsam mit seiner Frau, der Unternehmerin Mellody Hobson, verwirklichte er eine Idee, die eine grundlegende kunsthistorische Frage aufwirft: Warum genießen bestimmte Bilder den Rang großer Kunst, während andere, die das Vorstellungsvermögen ganzer Generationen geprägt haben, als bloße Illustration, Unterhaltung oder Gebrauchsgrafik gelten?

Lucas hat über mehr als fünf Jahrzehnte hinweg eine umfangreiche Sammlung zusammengetragen, zu der Malerei, Zeichnungen, Fotografien, Illustrationen, Comics und Objekte aus der Filmgeschichte gehören. Sein Anliegen ist es, Künstlern museale Anerkennung zu verschaffen, deren Werke aufgrund ihrer kommerziellen Verwendung oder Zugehörigkeit zur Populärkultur lange außerhalb des traditionellen Kunstkanons standen.

Damit folgt das Museum einer anderen Perspektive als die klassische Kunstgeschichte, die vor allem nach Gattungen, Epochen und Stilentwicklungen gegliedert ist. Im Mittelpunkt steht die erzählerische Bedeutung von Bildern. Wie entstehen durch sie Vorstellungen von der Welt? Welche Werte vermitteln sie? Warum bleiben bestimmte Bilder über Generationen hinweg im kollektiven Gedächtnis?

Diese Idee besitzt zugleich eine gesellschaftliche Dimension. Die Bilder, mit denen Menschen aufwachsen und die sie in Büchern, Zeitschriften, Comics oder Filmen sehen, werden nicht mehr von vornherein einer vermeintlich höheren Kunst untergeordnet. Sie gelten als kulturelle Leistungen, die unabhängig von ihrer ursprünglichen Verwendung untersucht werden können.

Das im September 2026 eröffnete Museum befindet sich im Exposition Park in Los Angeles. Sein spektakuläres Gebäude wurde von dem chinesischen Architekten Ma Yansong und seinem Büro MAD entworfen. Die fließende, beinahe schwebende Architektur unterstreicht den Anspruch, neue Zugänge zur Kunst zu eröffnen. In mehr als dreißig Galerien begegnen sich Bilder unterschiedlicher Epochen, Medien und Kulturkreise.

Der Gedanke, dass Bilder Geschichten erzählen, ist allerdings keineswegs neu. Religiöse Bildzyklen, Historienmalerei und Allegorien erfüllen seit Jahrhunderten narrative Funktionen. Lucas‘ Ansatz besteht jedoch darin, solche Werke gemeinsam mit der modernen, populären Bildkultur zu betrachten und die überlieferten Grenzen zwischen Hochkunst und Unterhaltung grundsätzlich infrage zu stellen.

Der Begriff der narrativen Kunst ist durchaus erklärungsbedürftig. Nicht jedes Bild, das Emotionen hervorruft oder kulturelle Vorstellungen prägt, erzählt automatisch eine Geschichte. Auch ein Porträt oder eine Landschaft können Bedeutung vermitteln, ohne eine Handlung im eigentlichen Sinne darzustellen. Die Grenzen zwischen Narration, Symbolik und allgemeiner bildlicher Sinnvermittlung sind fließend.

Gerade diese Offenheit kennzeichnet das Konzept des Museums. Lucas geht es weniger um die Definition einer eigenen Kunstgattung als um eine Betrachtungsweise, die Bilder nach ihrer erzählerischen und gesellschaftlichen Wirkung befragt.

Jack Kirby, Cover for Captain America, no. 109, 1969, Ink an graphite on board, Lucas Museum of Narrative Art, Los Angeles. © Jack Kirby, TASCHEN Verlag
Rafael Navarro, Sonámbulo: Mexican Stand-Off, 2006. Titelbild für den gleichnamigen Comic. Acryl auf Leinwand. Lucas Museum of Narrative Art, Los Angeles. © Rafael Navarro, TASCHEN Verlag

Das Museum im Buch: die große Publikation im TASCHEN Verlag

Der TASCHEN Verlag hat diesem Museum nun eine zweibändige, großformatige Publikation gewidmet. „Lucas Museum of Narrative Art”, herausgegeben von Jessica Hundley und mit Beiträgen von George Lucas, Guillermo del Toro und Ryan Linkof, versammelt auf 832 Seiten Werke aus den Bereichen Malerei, Fotografie, Buchillustration, Comics und Filmkunst. Die Publikation entstand in enger Zusammenarbeit mit dem Museum und dokumentiert die Vielfalt seiner Sammlung.

Vertreten sind Künstler:innen wie Norman Rockwell, N. C. Wyeth, Jessie Willcox Smith, Maxfield Parrish, Thomas Hart Benton und Frank Frazetta. Auch die Entstehung der Bildwelten von „Star Wars” wird anhand von Entwürfen, Konzeptzeichnungen und Objekten aus der Filmgeschichte vorgestellt.

Besonders interessant ist die Zusammenführung von Werken, die in der traditionellen Kunstgeschichtsschreibung höchst unterschiedlich bewertet wurden. Norman Rockwell schuf etwa Darstellungen des amerikanischen Alltags, die weit über ihren ursprünglichen illustrativen Zweck hinauswirkten. Seine Bilder verdichten Vorstellungen von Familie, Gemeinschaft und gesellschaftlichen Werten. Zugleich zeigen sie, wie Bilder gesellschaftliche Wirklichkeit idealisieren können. Sie vermitteln nicht unbedingt, wie eine Gesellschaft beschaffen ist, sondern häufig, wie sie sich selbst sehen möchte.

Die fantastischen Welten von Frank Frazetta funktionieren auf eine andere Weise. Seine dramatischen Figuren und übersteigerten Körperbilder greifen auf tradierte Vorstellungen von Heldentum, Macht und Abenteuer zurück. Obwohl sie keiner historischen Realität entsprechen, sind ihre Motive unmittelbar verständlich. Die Fantasie knüpft an kulturelle Erfahrungen an und entwickelt aus ihnen neue Bildwelten.

In solchen Gegenüberstellungen zeigt sich die besondere Qualität des Katalogkonzepts. Unterschiedliche künstlerische Ausdrucksformen machen deutlich, wie vertraute Vorstellungen in verschiedenen Epochen und Medien immer neue Gestalt annehmen. Die großzügige Gestaltung der beiden Bände, die den Abbildungen viel Raum gibt, entspricht dieser bildorientierten Betrachtungsweise.

Allerdings ist mit der Zusammenstellung erzählender Bilder noch nicht erklärt, worin ihre jeweilige Wirkung besteht. Die Frage, was ein Bild erzählt, ist von der Frage zu unterscheiden, wie es dies tut. Komposition, Perspektive, Gestik und Blickführung bestimmen ebenso wie die Wahl des Mediums, welche Vorstellungen entstehen. So vermag ein einzelnes Gemälde eine ganze Handlung anzudeuten, während ein Comic den zeitlichen Verlauf durch eine Folge von Bildern organisiert. Der Film wiederum verbindet Bewegung, Montage, Sprache und Musik.

Auch die Überwindung der traditionellen Grenze zwischen Hochkunst und Populärkultur verlangt Differenzierung. Dass ein Bild Millionen Menschen erreicht, begründet zwar seine kulturhistorische Relevanz, sagt aber noch wenig über seine ästhetische Qualität aus. Umgekehrt verliert ein Kunstwerk nicht seinen Rang, nur weil es ursprünglich für einen kommerziellen Zweck geschaffen wurde. Der zweibändige Katalog bietet reichlich Material, um diesen Fragen nachzugehen. Er mündet weniger in eine abgeschlossene Theorie visueller Narration als vielmehr in eine erweiterte Betrachtung der Bilder, durch die unsere kulturellen Vorstellungen geprägt werden.

Besprochener Bildband, © TASCHEN Verlag
Besprochener Bildband © TASCHEN Verlag

Museum und Buch zeigen die Geschichte von Wirklichkeit und die Idee des Möglichen

Die Aktualität dieses Ansatzes zeigt sich nicht zuletzt angesichts der jüngsten technischen Entwicklungen. George Lucas hat einen erheblichen Teil seines künstlerischen Lebens damit verbracht, neue Möglichkeiten des filmischen Erzählens zu entwickeln. Heute verändert die künstliche Intelligenz die Herstellung und Verbreitung visueller Darstellungen erneut grundlegend. Bilder und Filmsequenzen lassen sich in kürzester Zeit erzeugen, verändern und weltweit verbreiten. Zugleich wird es schwieriger, ihre Herkunft und ihren Wahrheitsgehalt zu beurteilen.

Die technischen Möglichkeiten mögen sich verändern, doch die kulturellen Muster des Erzählens bleiben vielfach erkennbar. So begegnet uns der mythische Held im antiken Epos ebenso wie im Science-Fiction-Film. Vorstellungen von Gemeinschaft, Bedrohung, Opfer und Erlösung finden sich in religiösen Bildwerken, politischen Inszenierungen und der zeitgenössischen Populärkultur. Was sich verändert, sind die Formen ihrer Darstellung und die Bedingungen ihrer Verbreitung.

Das Lucas Museum und die begleitende Publikation lenken den Blick auf diese langen Traditionslinien visueller Narration. Sie zeigen, dass Bilder nicht nur etwas darstellen, sondern auch Vorstellungen von Wirklichkeit mitgestalten. Dabei können sie Vergangenes bewahren, Gegenwärtiges deuten und Zukünftiges vorstellbar machen.

Hier schließt sich der Kreis zu Aristoteles. Die schöpferische Kraft einer Erzählung liegt nicht nur darin, von dem zu berichten, was gewesen ist. Sie kann auch eine Vorstellung dessen hervorbringen, was sein könnte. In der Literatur entsteht daraus eine erfundene Welt, in der Kunst ein Bild und in gesellschaftlichen Zusammenhängen möglicherweise eine Hoffnung, eine Erwartung oder eine Vision.

Mit seinem Museum hat George Lucas einer Kunstform einen eigenen Ort gegeben, deren Bedeutung weit über die traditionellen Grenzen der Kunstgeschichte hinausreicht. Die bei TASCHEN erschienenen Bände erschließen diesen Gedanken anhand einer außergewöhnlichen Sammlung und zeigen, wie eng die Geschichte der Bilder mit der Geschichte menschlicher Vorstellungen verknüpft ist.

Wer diese Bilder betrachtet, begegnet deshalb nicht nur Geschichten aus vergangenen Zeiten. Er begegnet auch den Vorstellungen, Hoffnungen und Idealen, aus denen Menschen ihre Bilder von der Welt entworfen haben – und die bis heute fortwirken.


Lucas Museum of Narrative Art

Das von George Lucas und Mellody Hobson gegründete Lucas Museum of Narrative Art wurde am 22. September 2026 im Exposition Park in Los Angeles eröffnet. Der von Ma Yansong (MAD Architects) in Zusammenarbeit mit Stantec entworfene Museumsbau umfasst rund 27.900 m², darunter etwa 9.300 m² Ausstellungsfläche mit mehr als 30 Galerien. Die Landschaftsarchitektur stammt von Mia Lehrer (Studio-MLA). Die Sammlung umfasst über 40.000 Werke aus Malerei, Illustration, Fotografie, Comic und Filmkunst.

www.lucasmuseum.org

Abbildung Titelbild: Courtesy Lucas Museum of Narrative Art. © Photo by Hufton+Crow.

Lucas Museum of Narrative Art

Lucas Museum of Narrative Art, herausgegeben von Jessica Hundley, mit Beiträgen unter anderem von George Lucas, Guillermo del Toro und Ryan Linkof.

TASCHEN Verlag, 2026. Zwei englischsprachige Hardcoverbände im Schuber, 832 Seiten, Format 24,3 × 30,4 cm, ISBN 978-3-7544-0564-2. Preis: 175 Euro.

www.taschen.com


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