Kultur im Wandel – Über Narrative, Transformation und die Frage, wie Zukunft entsteht

Text: Alexandra Wendorf

Der Name des Symposiums, TRANSFORM.NRW, klingt zunächst nach einem technischen Projekt. Doch wer erwartet, dass hier ausschließlich über Energieeffizienz, wirtschaftliche Anpassungen oder politische Steuerung gesprochen wird, erkennt schnell, dass dieser Titel nicht zu verstehen ist, ohne den Begriff „Kultur” dazuzudenken. Transformation ist, wie in der Bundeskunsthalle eindrucksvoll sichtbar wurde, kein rein administrativer Vorgang, sondern ein zutiefst kultureller Prozess. Kein Wandel beginnt in Zahlenkolonnen oder Strategiepapieren. Jeder Wandel beginnt in Geschichten.

Bevor wir tiefer einsteigen, lohnt sich ein Blick auf den konkreten Rahmen: Das Symposium TRANSFORM.NRW fand am 13. und 14. November 2025 in der Bundeskunsthalle in Bonn statt. Zwei Tage lang wurde dort ein breites Netzwerk aus Institutionen, Initiativen und Akteuren vereint. Zu den Beteiligten zählten unter anderem die Bundeskunsthalle selbst, das Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen, die Bergische Universität Wuppertal und das Wuppertal Institut sowie Designlabore, weitere Kulturinstitutionen, Stiftungen und zivilgesellschaftliche Organisationen. Panels, Good Practices, Salons und Werkstattgespräche bildeten ein dichtes Programm, das sich zwischen Kunst, Wissenschaft, Bildung, Politik und Gestaltung spannte und gerade dadurch den interdisziplinären Charakter moderner Transformationsprozesse sichtbar machte.

Gerade angesichts der Klimakrise, die längst nicht mehr nur ökologische, sondern auch soziale und ästhetische Fragen aufwirft, zeigt sich: Nachhaltigkeit lässt sich nicht verwalten. Sie muss erzählt, verstanden und gelebt werden. Kultur liefert dafür nicht nur die Formen, sondern auch den Resonanzraum. Deshalb führt kein Weg an der Frage vorbei, wie kulturelle Modelle, Bilder und Narrative unsere Vorstellung von Zukunft prägen – oder blockieren. Das Symposium stellte diese Frage ins Zentrum und machte deutlich: Wer Transformation gestalten will, muss zunächst die kulturellen Erzählungen erkennen, die sie tragen.

Vielleicht wäre es für das Symposium sinnvoll gewesen, den Begriff „Transformation“ sprachlich weiter zu fassen. Er klingt leicht technisch, abstrakt und ausschließend – als richte man sich nur an jene, die ohnehin schon überzeugt sind. Dabei geht es eigentlich um etwas viel Näheres und Menschlicheres: um eine gemeinsame Entwicklung zum Besseren. Sprache prägt, wen wir erreichen. Wenn Veränderung nur in einem kleinen Kreis Gleichgesinnter verhandelt wird, bleibt sie ein Projekt der Wenigen. Wählen wir dagegen eine Sprache, die Vertrauen weckt, Orientierung bietet und niemanden ausschließt, kann Wandel anschlussfähig werden – auch für diejenigen, die skeptisch sind oder sich von großen Begriffen eher überfordert fühlen. So verstanden ist Transformation nicht nur ein Prozess, sondern auch eine Einladung, all jene mitzunehmen, die sich mit Veränderungen schwer tun, aber Teil dieses Weges sein müssen.

Wandel braucht überzeugende Narrative

Genau an diesem Punkt zeigte das Symposium seine Stärke: Es rückte die Bedeutung von Erzählungen, Bildern und kulturellen Deutungen in den Mittelpunkt. Auffällig war, wie oft im Verlauf der Panels – ob es um neue gesellschaftliche Verhältnisse, neue Mensch-Umwelt-Beziehungen oder neue institutionelle Rahmen ging – das Thema Narration auftauchte. Nachhaltigkeit wurde nicht als technisches Problem, sondern als noch fehlende kulturelle Erzählung verhandelt, als Geschichte, die erst geschrieben werden muss. Viele Beiträge machten deutlich: Transformation scheitert nicht am Wissen, sondern an der Vorstellungskraft. Wir wissen zwar, wie Wandel funktionieren könnte, aber uns fehlen die Bilder, die ihn plausibel, lebbar und begehrenswert machen.

Genau hier setzt die Kultur an. Sie übersetzt komplexe Prozesse in erfahrbare Formen. Sie schafft Atmosphären, Sinn und Verbindlichkeit. Sie kann Geschichten erzählen, die nicht nur warnen, sondern anziehen: Geschichten des Gelingens, des Gemeinsamen und des Selbstverständlichen. Und sie ist es, die Brücken baut zwischen jenen Sphären, die sonst nebeneinander existieren: Kunst, Wissenschaft, Politik und Ökonomie. Das Symposium zeigte im Zusammenspiel dieser Felder mit all ihren Spannungen, wie ein neuer kultureller Raum entsteht: ein Raum des Dazwischens, des Suchens und des Versuchscharakters.

Aus kulturtheoretischer Perspektive wird hier etwas sichtbar, das von klassischen Kulturmodellen nur unzureichend erfasst wird. Kultur ist nicht statisch, nicht homogen und nicht eindeutig. Sie ist Bewegung, Konflikt und Aushandlung. Sie lebt nicht in stabilen Strukturen, sondern in offenen Prozessen. Pierre Bourdieu hätte wohl gesagt, dass hier ein neues Feld entsteht, das von Akteuren bevölkert ist, die mit unterschiedlichen Ressourcen und Gewohnheiten um Deutungshoheit ringen. Während Bourdieus Modelle jedoch auf die Reproduktion sozialer Ordnungen abzielen, zeigt sich im Kontext der Transformation eine andere Dynamik: Kultur produziert nicht nur das Gleiche, sondern auch das Noch-Nicht. Sie ist die Möglichkeitsbedingung von Zukunft.

Gerade diese Offenheit macht Transformation kulturell anspruchsvoll. Sie zwingt uns, alte Ordnungsmuster, Normen und Selbstverständlichkeiten infrage zu stellen. Sie erfordert ein globales Denken, das lokale Gewohnheiten mit planetaren Notwendigkeiten verbindet. Und sie verlangt ein neues Verständnis von Kultur, das nicht mehr zwischen „hohen” ästhetischen Ausdrucksformen und „banalen” Alltagspraktiken unterscheidet, sondern beide als gleichberechtigte Kräfte anerkennt, die Wandel erzeugen.

Das Symposium hat somit deutlich gemacht, dass Transformation nur gelingen kann, wenn Kultur nicht nur reagiert, sondern aktiv mitgestaltet – im Diskurs, im Netzwerk und in der Bereitschaft, gemeinsam neue Wege auszuprobieren. Kultur ist dabei kein Beiwerk, sondern die Voraussetzung dafür, dass Veränderung in Alltagspraktiken übergeht. Sie schafft Vertrauen in das Fremde, Orientierung im Übergang und Bilder für das, was noch nicht existiert.

Letztlich blieb der Eindruck, dass die eigentliche Aufgabe unserer Zeit darin besteht, ein neues kulturelles Selbstverständnis zu entwickeln. Eines, das Bewegung, Unsicherheit und Veränderung nicht fürchtet, sondern als natürlichen Zustand begreift. So wie wir Menschen selbst ständigen Wandlungsprozessen unterliegen, ist auch Kultur niemals ein fertiger Besitz, sondern ein kontinuierlicher Prozess. Transformation ist daher kein Ausnahmezustand, sondern der Rhythmus einer Welt, die sich neu zusammensetzt.

Vielleicht war das die wichtigste Botschaft von TRANSFORM.NRW: Zukunft entsteht nicht, indem man sie verwaltet. Zukunft entsteht, indem man sie erzählt – und indem man den Mut hat, diese Geschichten Wirklichkeit werden zu lassen. 

TRANSFORM.NRW

Mit Kunst, Kultur und Design Nachhaltigkeit schaffen, Symposium in der Bundeskunsthalle, Bonn. Auf der Website soll eine Plattform des Verbundprojekts transform.NRW entstehen. Weitere Infos: transformation.nrw.de

Titelbild: Transform.nrw

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