Maschinen der Empfindung – Rebecca Horn im Skulpturenpark Waldfrieden

Text: Alexandra Wendorf

Der Skulpturenpark Waldfrieden in Wuppertal zeigt bis zum 30. August 2026 eine konzentrierte, klug inszenierte Retrospektive zu Rebecca Horn. In den lichten, pavillonartigen Ausstellungshallen und in der Villa Waldfrieden entfalten ihre kinetischen Objekte eine eigentümliche Spannung: In Bewegung und Klang folgen sie einer eigenen Rhythmik und Zeit. Gerade das weckt Neugier: Man wartet, beobachtet, umrundet die Arbeiten, verfolgt ihre offenen Mechaniken und wird in dieser suchenden Bewegung selbst Teil ihres räumlichen Spiels.

Mit „Rebecca Horn. Emotion in Motion“ widmet der Skulpturenpark Waldfrieden der 2024 verstorbenen Künstlerin eine umfassende Einzelausstellung, die Arbeiten aus vier Jahrzehnten versammelt. Gezeigt werden Werke aus den 1980er- bis 2010er-Jahren, verteilt auf die drei großen Ausstellungspavillons und die Villa Waldfrieden. Entstanden ist die Schau in Zusammenarbeit mit der Moontower Foundation, die Rebecca Horn 2007 gründete und die heute ihren künstlerischen Nachlass betreut.

Von der Verletzlichkeit des Körpers

Rebecca Horn gehört zu jenen Künstlerinnen, deren Werk sich kunsthistorisch verorten lässt, ohne je in einer einzigen Kategorie aufzugehen. Es berührt Performance und Body Art, die Tradition des Surrealen, die kinetische Skulptur, das Environment und stellenweise auch das Readymade. Rebecca Horn hat aus diesen Bezugslinien eine eigene Sprache entwickelt. Ausgangspunkt waren ihre frühen Körperextensionen, die aus einer biografischen Erfahrung von Krankheit, Isolation und körperlicher Begrenzung hervorgingen. Von dort aus entfaltet sich ein Werk, das die Verletzlichkeit des Körpers, seine Erweiterung, seine Gefährdung und seine poetische Überschreitung fortwährend neu befragt. Maschinen, Objekte, Federn, Metalle, Instrumente, Spiegel oder Steine sind bei Horn nie bloß Material, sondern Träger von Erinnerung, Affekt und Imagination. Dabei geht es immer auch um das Austarieren von Materie und Poesie.

Rebecca Horn, Concert for  Anarchy, 2006 © VG Bild-Kunst Bonn 2026, Foto Michael Richter
Rebecca Horn, El Calvario 1997 © VG Bild-Kunst Bonn 2026, Rebecca Horn Estate, Foto Attilio Maranzano

Gerade deshalb ist Horn nicht einfach eine Künstlerin der Bewegung. In der klassischen kinetischen Kunst war Bewegung oft ein formales Problem; bei ihr ist sie psychisch aufgeladen. Ihre Apparaturen verhalten sich, statt bloß zu funktionieren. Sie zucken, öffnen sich, kippen, kreisen, schlagen aus oder verharren in einer Spannung, die mehr mit Begehren, Verletzung, Erinnerung oder Bedrohung zu tun hat als mit mechanischer Demonstration. Das macht die eigentliche Eigenart dieses Werks aus: Technik erscheint hier nie als Selbstzweck, sondern als empfindliches System, das seelische Zustände und existentielle Fragen in Bewegung übersetzt.

Im Skulpturenpark Waldfrieden tritt diese Besonderheit besonders deutlich hervor, weil die Ausstellung den Werken eine seltene Ruhe zugesteht. Die drei großen, hohen und lichten Pavillons erscheinen als Gegenentwurf zum klassischen White Cube: offen, transparent, teils vollständig verglast, immer wieder mit Blick in den Park. So entsteht ein ständiger Wechsel zwischen Innen und Außen, Konzentration und Weite. Diese Architektur ist für Rebecca Horn ideal. Denn ihre Arbeiten brauchen keine kuratorische Dramatisierung; sie gewinnen ihre Kraft gerade dort, wo man ihnen Luft und Dauer lässt.

Man muss hier warten können

Viele der Arbeiten erschließen sich nicht im Vorbeigehen. Manche Bewegungen sind so fein gesetzt, dass man zunächst gar nicht bemerkt, dass sich etwas verändert. Andere setzen erst nach längeren Intervallen ein. Die Ausstellung zwingt das Publikum damit freundlich, aber bestimmt zu einer anderen Form der Aufmerksamkeit. Sie entzieht sich dem schnellen Blick und der sofortigen Verfügbarkeit. Wer Rebecca Horn sehen will, muss bereit sein, Zeit zu haben und neugierig zu sein, auf das, was wohl als nächstes passieren wird.

Besonders eindrücklich zeigt sich das bei „Concert for Anarchy“ von 2006 im mittleren Pavillon. Der kopfüber von der Decke hängende Konzertflügel gehört zu den bekanntesten Arbeiten Rebecca Horns. Seine Tastatur bricht nicht kontinuierlich hervor, sondern in größeren zeitlichen Abständen: Sie fällt mit lauten Klängen herab, verharrt in diesem chaotischen Zustand und wird erst nach einer gewissen Zeit wieder in den Korpus zurückgezogen. Gerade diese langen Intervalle sind entscheidend. Sie zwingen dazu, auszuharren, hinzusehen und den Moment der Umkehr aus der Stille heraus zu erleben. Ihre Wirkung entfaltet die Arbeit nicht bloß im Augenblick der effektvollen Entladung, sondern bereits in der Zeitspanne davor: in der Erwartung, im Innehalten, in der ungewissen Dauer bis zum nächsten Umschlag. Darin erscheint sie als präzise komponiertes Bild eines surrealen Zustands, in dem Ordnung und Chaos nicht als Gegensätze auftreten, sondern in ein instabiles, zugleich beunruhigendes wie faszinierendes Gleichgewicht geraten. Diesem zentralen Werk ist mit „Hauchkörper“ von 2017 eine Arbeit zur Seite gestellt, deren feine Messingstäbe sich so minimal bewegen, dass der Übergang vom Stillstand zur Bewegung kaum wahrnehmbar ist. Im Zusammenspiel mit den großen Fensterflächen und dem Blick in den Park entsteht dabei ein stiller Dialog zwischen Innen und Außen: draußen die sich im Wind bewegenden Bäume, drinnen die beinahe schwebenden Bewegungen der Stäbe. Für einen Moment scheinen beide zu einer gemeinsamen Choreografie zu werden.

Erinnerungsräume werden lebendig

Auch die übrigen Räume zeigen, wie weit Horn den Begriff der Skulptur geöffnet hat. Im oberen Pavillon steht mit „Turm der Namenlosen“ von 1994 eine Arbeit, die auf den Jugoslawienkrieg reagiert und aus historischen Obstleitern, Geigen und Mechanik einen fragilen Erinnerungsraum bildet. Daneben tritt unter anderem die „Preußische Brautmaschine“ von 1988 auf, die Horns Nähe zum Surrealismus und zum Readymade erkennen lässt. Schließlich ist dort mit „El Calvario“ (1997) eine Arbeit zu sehen, die sich tief einprägt. Stein, ein Paar Frauenschuhe, Motor und Messing sind hier zu einer Szenerie verbunden, deren Bewegung nach längeren Pausen intervallartig einsetzt: Das alte Schuhpaar scheint immer wieder zu einem Schritt anzusetzen, doch jeder Aufbruch bleibt aussichtslos: Statt einen Weg zu gewinnen, müsste es am Stein abrutschen. Gerade darin liegt die beklemmende Wirkung dieser Arbeit. Im Umfeld von „Turm der Namenlosen“ ruft sie Assoziationen von Flucht, Verfolgung und erzwungener Bewegung auf — und öffnet damit einen historischen Resonanzraum, in dem sich unweigerlich auch Erinnerungen der deutschen Geschichte einstellen. Bewegung erscheint hier nicht als Fortkommen, sondern als tragische Geste der Vergeblichkeit.

Im unteren Pavillon setzt die „Malmaschine“ von 1999 rhythmisch schwarze Tinte auf eine Wandfläche und verwandelt den Raum selbst in eine Art zeichnenden Körper. In diesem Zusammenhang ist auch der „Kuss des Rhinozeros“ von 1989 zu sehen — eine Arbeit, die exemplarisch vorführt, wie Rebecca Horn Gegensätze nicht auflöst, sondern in Schwebe hält. Das Werk entwickelt seine Wirkung aus einer prekär austarierten Nähe von Anziehung und Gefahr. Was sich da begegnet, trägt zugleich etwas Zärtliches und etwas Drohendes in sich; die Geste kippt nie eindeutig in die eine oder andere Richtung. Gerade in dieser Unsicherheit liegt ihr Reiz. Horn verbindet hier eine poetische Bildfindung mit surrealer Verschiebung, feiner Ironie und einem Unbehagen, das nie ganz verschwindet. Schönheit erscheint nicht als Gegenbegriff zur Aggression, sondern als ihre mögliche Nachbarschaft. Dass beim Zusammentreffen der bogenförmigen Elemente eine elektronische Überspannung und Lichtfunken aufblitzen, verdichtet diese Spannung noch einmal zu einem Moment, der ebenso faszinierend wie beunruhigend wirkt.

Kunst im Zusammenspiel von Natur, Geschichte, Licht und Raum

Die Villa Waldfrieden versammelt schließlich kleinere und stillere Arbeiten wie „Parrot Wings Blue“, „Magic Rock“ und „Der Calvarienbaum“. Hier verschiebt sich der Akzent weg von der großen, raumgreifenden Geste, hin zu einer konzentrierteren Betrachtung von Natur, Verwandlung und Offenbarung. Diese leiseren Werke stehen nicht in Konkurrenz zu den großen kinetischen Installationen, sondern erhalten in der Villa ihren eigenen Resonanzraum.

Zum Gelingen der Schau trägt nicht zuletzt der Ort selbst entscheidend bei. Der Skulpturenpark Waldfrieden geht auf die private Initiative des britischen Bildhauers Tony Cragg zurück, der das verwaiste Anwesen 2006 erwarb, Park und Gebäude umgestalten ließ und daraus ein dauerhaftes Gelände für Skulptur im Freien entwickelte. Seit der Eröffnung 2008 verbindet der Park Sammlung, Wechselausstellungen, Forschung und Veranstaltungen in einer Weise, die dem Ort eine besondere Eigenständigkeit verleiht. Gerade bei Rebecca Horn wird deutlich, wie fruchtbar dieses Konzept ist: Ihre Arbeiten begegnen hier keiner neutralisierten Museumsarchitektur, sondern einem Ensemble, das Natur, Geschichte, Licht und Raum als aktive Mitspieler versteht.

Bewegung ist in dieser Ausstellung nicht nur Motiv, sondern Verlauf. Sie liegt in den Werken, in den Wegen zwischen den Pavillons, im Wechsel von Innenraum und Park, von Anspannung und Ruhe. Während Rebecca Horns Objekte sich stoßweise, zögernd oder kaum merklich verändern, setzt sich auch das Publikum ständig neu in Relation: zu den Arbeiten, zur Architektur, zur Landschaft. So werden Stationen, Pausen und Übergänge selbst Teil der Wahrnehmung.

Titelbild: Rebecca Horn, Turm der Namenlosen, 1994, VG Bild-Kunst Bonn 2026, Rebecca Horn Estate, © Foto Michael Richter


Rebecca Horn. Emotion in Motion

14. März bis 30. August 2026, Skulpturenpark Waldfrieden, Wuppertal

Weitere Informationen: skulpturenpark-waldfrieden.de


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