Text: Alexandra Wendorf
Es ist klirrend kalt, der Winter hat die Stadt fest im Griff. Über dem Moltkeplatz in Bad Godesberg laufen die Menschen dick eingepackt ihre Einkäufe in schnellem Tempo erledigend an uns vorbei. Wir treffen uns im Restaurant Oskar. Beim Öffnen der Tür schlägt mir eine wohltuende Wärme entgegen. Hier ist es warm, gedämpft und fast ein wenig entrückt vom Straßenlärm. Auf dem Tisch dampfen drei Pfefferminztees, als ich mich zu Roland Silbernagl, Thomas Frison und Sally Kiss setze.
Die drei sitzen schon eine Weile zusammen. Man spürt sofort: Das ist ein eingespieltes Team. Roland ist kaum zur Ruhe zu bringen – seine Augen leuchten, seine Hände sind ständig in Bewegung, als würde er das nächste Projekt bereits in die Luft zeichnen. Thomas, kurz Tom genannt, sitzt ihm gegenüber. Er wirkt ruhig und strahlt eine gewisse Gelassenheit aus. Sally, die Designerin und Künstlerin ist, beobachtet, hört zu und ergänzt präzise. Sie ist die dritte Kraft im Zentrum von Cine Bonn Bleu. Schon nach wenigen Minuten wird klar: So entsteht ein Kurzfilmfestival.
Die blaue Stunde, in der alles begann.
„Es war eine klassische Thekenidee“, sagt Roland und lacht. „28. September 2024, Freunde. Gespräche am frühen Abend. Irgendwann fiel dieser Satz: ‚Wir könnten doch eigentlich mehr …‘“ Roland lehnt sich vor, seine Stimme wird energischer. „Und dann war klar: Wir machen es. Jetzt.“ Der Schauspieler und Festivaldirektor hat diese besondere Präsenz, die man von der Bühne kennt – jedes Wort sitzt, jede Geste unterstreicht. Und wenn Roland denkt, dann denkt er groß.
Tom erinnert sich: „Irgendwann habe ich dann gesagt: Es ist die Blaue Stunde, also … Cine Bonn Bleu. Und plötzlich war das Festival nicht nur eine Idee, sondern hatte einen Namen! „Cine Bonn Bleu” verweist auf die blaue Stunde, jenen flüchtigen Moment zwischen Tag und Nacht, den die französische Kultur seit dem späten 19. Jahrhundert als „l’heure bleue” beschreibt: eine Zeit des Übergangs, des Innehaltens, der Melancholie und des Nachdenkens. In der Fotografie und im Film ist die blaue Stunde ein feststehender Begriff: Das Licht wird weich, der Himmel tiefblau und die Welt scheint kurz aus dem Gleichgewicht zu geraten, bevor die Dunkelheit übernimmt. Zugleich kann die blaue Stunde aber auch jenen Moment des Zusammensitzens, des Redens und des Weiterdenkens meinen, in dem gemeinsame Ideen entstehen, die zunächst unwahrscheinlich wirken und plötzlich ernst werden. Genau in einer solchen Stunde nahm Cine Bonn Bleu Gestalt an. Der Name trägt all diese Ebenen in sich: Filmkunst und Licht, Übergang und Transformation, Gemeinschaft und Aufbruch. Und das bewusst französische „Bleu” ist mehr als ein Stilmittel – es ist eine leise Verbeugung vor der Filmgeschichte, ein Hauch Internationalität, ein Augenzwinkern. Ein Name, der zu einem Festival passt, das zwischen Kunst und Begegnung seinen eigenen Raum findet.
Was dann folgte, war weniger Planung als Beschleunigung. Der Gang zur Stadt, die schnelle Erkenntnis, dass man ohne die öffentliche Hand freier, schneller und mutiger arbeiten kann. Crowdfunding statt Fördertöpfe. Gespräche statt Formulare. Präsenz statt Mails. „Immer hingehen“, sagt Roland und klopft mit der Hand auf den Tisch. „Nicht telefonieren, nicht schreiben – hingehen. Persönlich. Zeige Leidenschaft. Dann funktioniert es.“ Noch bevor es ein Bankkonto gab, hatten sie auf dem Bad Godesberger Markt die ersten 2.000 Euro eingesammelt. Samstags, im Gespräch, von Mensch zu Mensch. Der Verein wurde gegründet und im Januar 2025 folgte die Anerkennung der Gemeinnützigkeit. Aus acht wurden zehn Mitglieder. Zum Kernteam gehören neben Silbernagl, Frison und Kiss auch Dr. Frank Roth und Thorsten Bathelt, die zur Organisation und Struktur beigetragen haben sowie weitere engagierte Mitstreiterinnen und Mitstreiter. „Es war von Anfang an ein Teamprojekt“, betont Tom. „Kein Ego-Ding.“ Sally nickt zustimmend. „Diese persönliche Ebene, diese Leidenschaft – das haben die Leute gespürt. Niemand konnte Nein sagen.“
Zusammenarbeit mit dem größten Kino der Region.
„Wir sind sofort durchgestartet wie eine Rakete“, sagt Roland und lehnt sich zurück. Seine Augen blitzen. „Die Leute haben uns erst nicht geglaubt, als wir sagten: ‚Wir kriegen das Kinopolis!‘“ Aber sie bekamen es. Das Kinopolis Bad Godesberg sagte zu. Und nicht nur das. Am 24. Juni 2025 wagten sie den ersten Test: ein Kinosaal, knapp 200 Gäste. Und die Reaktionen waren überwältigend. „Das war der Moment“, sagt Tom, „in dem wir wussten: Das funktioniert.“ Roland schwärmt: „Kurzfilm ist so frei, so künstlerisch – genau so, wie die Filmemacher es wollen. Aber wo sieht man das sonst? Nachts um drei bei Arte. Oder auf Festivals.“
Für die erste Testausgabe hatten sie nur 25 Einreichungen erhalten – zu wenig für einen echten Wettbewerb. Also griffen sie auf ihr Netzwerk zurück, vor allem auf das Festival in Landshut, eines der größten Kurzfilmfestivals in Deutschland, bei dem Roland zuvor Jurymitglied gewesen war. Sie kontaktierten Filmemacher direkt, sichteten 2.800 Kurzfilme und wählten 250 davon aus. Ein Vorgeschmack auf das, was kommen sollte.
Fünf Tage, vier Kinosäle, rund 1.000 Besucher.
Im November 2025 wurde das Kinopolis schließlich zum offiziellen Festivalort. 35 Filme, davon 14 im Wettbewerb. Drei bis vier Programmblöcke pro Tag. Kein Red Carpet – ein Blue Carpet. Die 70-minütigen Programme reichten von bewegenden Dramen über experimentelle Arbeiten bis zum „Bleu Splatter“-Block, der von der DEADLINE kuratiert und durch Dominic Saxl vertreten wurde. Es wurden acht Horrorfilme gezeigt, von schwarzhumoriger Animation bis zur blutgetränkten Gewaltorgie.

Die Eröffnungsgala im größten Saal des Kinopolis war nahezu ausverkauft. Der Splatter-Block zog überregional Publikum an und war zu 85 Prozent gefüllt. Insgesamt lag die Auslastung bei rund 70 Prozent. „Wir waren wie der Rattenfänger von Hameln”, sagt Roland begeistert. „Die Leute sind uns gefolgt. Wir haben sie angezündet!” Es kamen rund 1.000 Besucher und Besucherinnen – mehr, als das Team erwartet hatte. Das Publikum kam aus Bad Godesberg, aus Bonn und der Region. Tom lächelt und fügt hinzu: „Aber das Bildungsbürgertum hier in Bad Godesberg und Bonn hat uns auch ganz schön was vorgelegt an Erwartungen!“
Silbertrophäen, Schecks – und Currywurst.
Die festliche Preisverleihung fand schließlich am 8. November im Maritim Hotel in Bonn statt. Es gab echte Silbertrophäen, Schecks über je 500 Euro und Sekt. Als charmante Überraschung gab es außerdem Currywurst. „Eine Spenderin hat dafür gesorgt, dass wir auch etwas zu essen anbieten konnten“, erzählt Roland lachend. „Currywurst und Sekt! Richtig geil. So etwas gibt’s sonst nur in Berlin.“ Sally lacht. „Das war so typisch für uns. Luxus und Bodenhaftung gleichzeitig.“
Den Publikumspreis gewann das deutsche LGTBQ+-Drama „God is Grey“ von Jennifer Drake. Die Jury zeichnete den Schweizer Thriller „Syncope“ von Linus von Stumberg aus – ein intensives, hochwertiges Werk über Macht, Narzissmus und Selbstaufgabe, das auch auf jedem internationalen Genrefestival gut ankommen würde. „Das Niveau war extrem hoch“, sagt Tom. „Und es hat uns gezeigt: Das trägt.“
Ein tolles Team – Düsenantrieb trifft Organisation.
Sally Kiss stimmt ihm zu und beschreibt, was sie an dieser Festivalorganisation so fasziniert. „Kurzfilme fand ich schon immer spannend. Aber ich organisiere auch wahnsinnig gern. Abstimmen im Team. Dinge zusammenzubringen – das macht einfach ungemein viel Spaß.“ „Dabei hat uns der Erfolg teilweise selbst überholt“, sagt sie offen. „Dass wir das so gut hinbekommen haben, konnten wir selbst kaum glauben.“ Dann erzählt sie von den Plänen für eine zukünftige Diskussionswand im Kino, vom Publikumsvoting und davon, Gespräche anzustoßen. Sie versteht Kino nicht als Einbahnstraße, sondern als sozialen Raum. Dann lächelt sie, schaut zu Roland und sagt: „Roland brennt total …” – kurze Pause – „Roland ist einfach einen Düsenantrieb. Das ist es.“ Roland lacht laut. Tom nickt. Und man versteht, wie diese Dynamik funktioniert. „Unsere große Stärke sind große Begeisterung und flache Hierarchien“, ergänzt Tom. „Zehn Menschen, ein Verein, keine Bürokratie. „Wir können schnell entscheiden und schnell umsetzen.“
KI: Schon 2025 ein Thema – künftig ein Schwerpunkt.
Obwohl das Cine Bonn Bleu in seiner ersten Ausgabe bewusst breit aufgestellt war, setzte das Festival bereits ein klares Zeichen. Künstliche Intelligenz wurde gleich zu Beginn der Veranstaltung als Thema aufgegriffen und später ernsthaft diskutiert.
Mit der Podiumsdiskussion „KI – Muse oder Monster?” schuf das Festival einen Raum, wie es ihn in dieser Form bisher kaum gibt. Die Jury-Mitglieder Manuela Klauser (Creative & Innovation Consultant und internationale KI-Künstlerin), Regisseurin Tanja Schalling und Philipp Ladage, bekannt für die grandios witzige „DDR-Mondbasis“, diskutierten über KI im Drehbuch, im Bilddesign und in der Postproduktion – jenseits von Alarmismus, aber auch jenseits von naiver Euphorie.
„Das ist erst der Anfang“, sagt Roland und man merkt, wie sehr ihn dieses Thema antreibt. „KI-Film ist die größte künstlerische Umwälzung seit Jahren, aber es gibt kaum Bühnen dafür. Wir wollen das ändern.“ Tom fügt hinzu: „Wir wollen KI nicht als Bedrohung, sondern als Werkzeug verhandeln. Als Erweiterung von Kreativität.“ Sally bringt es auf den Punkt: „KI-Filme brauchen ein echtes Kinoformat. Die große Leinwand. Den Austausch danach.“ Für die kommenden Jahre ist deshalb ein massiver Ausbau dieses Bereichs geplant: mit eigenen Programmsektionen, internationalen Künstlerinnen und Künstlern, Panels, Workshops und Labs. Cine Bonn Bleu versteht sich hierbei ausdrücklich als „Vorreiter“ – als Ort, an dem Trends sichtbar werden, bevor sie zum Mainstream werden.
Vision 2026: Workshops, Panels, noch mehr Vernetzung
Die drei haben bereits konkrete Pläne. Noch mehr internationale Künstlerinnen und Künstler sollen vor Ort sein. „Die waren dieses Mal schon da“, sagt Sally, „aber nächstes Mal noch viel mehr. Vernetzung und Austausch sind die Zukunft.“ Auch das Kinderprogramm soll wachsen. „Ohne Schulen“, überlegt Tom, „dafür stärker die Familien einbeziehen.“ Roland wird ernst: „Wir wollen noch mehr Qualität, den Independent-Charme mit den Profis vermischen. Eine echte Talentschmiede. Eine Plattform für Kunstfilm. Nächstes Mal wird alles noch professioneller“, verspricht er. „Wir werden die Genres genauer definieren, mehr kommunizieren und unser Netzwerk noch stärker ausbauen.“
Der Erfolg der ersten Ausgabe hat gezeigt, dass Cine Bonn Bleu nachhaltige Strukturen braucht. Deshalb wird geplant, einen zusätzlichen Förderverein zu gründen, um künftig noch gezielter mit Sponsoren und Mäzenen zusammenarbeiten zu können. „Wir wollen professioneller werden, ohne unseren unabhängigen Charakter zu verlieren”, sagt Tom. „Und wir müssen antizyklisch arbeiten. Wir müssen nicht nur unsere eigene Kraft nutzen, sondern auch klug planen.“ „Zudem können wir Unterstützern etwas Einzigartiges bieten“, ergänzt Roland. „Sichtbarkeit auf der Kinoleinwand – wer kann das schon? Über 1.000 Plakate hingen an Litfaßsäulen und in der Lichtreklame, außerdem waren wir in den sozialen Medien präsent.“ Die Verankerung in Bad Godesberg funktioniert. Der zukünftige Förderverein soll genau das noch besser ermöglichen: Planungssicherheit, Qualität, Wachstum und zugleich Raum für Experimente und Risiken.
Und warum Bad Godesberg und nicht Berlin oder vielleicht Frankfurt? „Wohin wollen wir mit dem Festival?“, fragt Tom rhetorisch. „Es wäre schon toll, in Bad Godesberg zu bleiben. Das ist unsere Heimat.“ Sally nickt. Roland lacht und hebt seinen Pfefferminztee: „New York, London, Bad Godesberg – warum nicht?“ Als ich das Oskar verlasse, hat die Kälte draußen weiter zugenommen. Drinnen sitzen die drei noch immer zusammen und planen bereits das kommende Cine Bonn Bleu 2026: Workshops, mehr Filme, mehr Vernetzung. Die Begeisterung ist ungebrochen. Eines wird an diesem Abend sehr deutlich: Cine Bonn Bleu ist kein Zufallsprodukt. Es ist das Ergebnis von Energie, Struktur und Gestaltung. Von Düsenantrieb, Ruhe und Organisation. Und vielleicht auch von der Erkenntnis, dass kulturelle Bewegungen nicht zwangsläufig in Metropolen beginnen.
Manchmal beginnen sie an einer Theke in Bad Godesberg. Zur blauen Stunde.
Film ab – die Reise hat gerade erst begonnen.
Cine Bonn Bleu
Instagram: @cinebonnbleu
Kontakt für Sponsoring und Partnerschaften: Cine Bonn Bleu e.V.: www.cinebonnbleu.de


