Portrait William Kentridge WILLIAM KENTRIDGE - LISTEN TO THE ECHO am 02.09.2025 im Museum Folkwang in Essen. Sebastian Drueen@Museum Folkwang

William Kentridge: Listen to the Echo

Text: Arthur Bach

Man hört sie schon, bevor man sie sieht: die Bilder von William Kentridge. Sie rauschen, flimmern und kratzen und erzählen dabei Geschichte in Schichten. Und genau das nimmt die neue Ausstellung im Museum Folkwang wörtlich: „Listen to the Echo”.

Mit dieser großen Werkschau widmet das Museum Folkwang einem der bedeutendsten Künstler der Gegenwart eine Ausstellung. In Zusammenarbeit mit den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden entsteht eine Doppelausstellung, die ab dem 4. September 2025 in Essen und ab dem 6. September 2025 in Dresden zu sehen ist. Die beiden Orte sind wie geschaffen für Kentridges Blick auf Erinnerung, Arbeit, Wandel und das Sichtbarwerden von Geschichte.

Vom Bleistift bis zum Welttheater

Rund 160 Exponate aus fünf Jahrzehnten spannen den Bogen über Kentridges gesamtes künstlerisches Schaffen. Zu sehen sind nicht nur Zeichnungen, das Fundament seiner Arbeit, sondern auch Druckgrafiken, Skulpturen, Tapisserien, animierte Filme und Mehrkanal-Installationen. Seine filmischen Arbeiten vereinen Elemente aus Spielfilm, Dokumentarfilm und Experimentalfilm. Doch Kentridge bewegt sich nicht zwischen diesen Gattungen, sondern erschafft eine eigene: die zeichnende Erinnerung.

Einen frühen Höhepunkt der Ausstellung bilden die „Drawings for Projection“, jene animierten Kurzfilme, mit denen Kentridge international bekannt wurde. Sie erzählen vom Aufstieg und Niedergang Johannesburgs, jener Stadt, die durch Goldfunde im späten 19. Jahrhundert zu einem industriellen Schmelztiegel wurde – und damit erstaunliche Parallelen zu Essen und dem Ruhrgebiet aufzeigt. Wie dort stehen auch hier Fragen nach Arbeit, Fortschritt und den Schattenseiten der industriellen Moderne im Raum.

Echo der Geschichte

Kentridges Kunst ist stets politisch, ohne plakativ zu sein. In seinen Werken mischt sich das Poetische mit dem Historischen, das Persönliche mit dem Gesellschaftlichen. Er arbeitet mit Erinnerungen wie andere mit Pigmenten. Seine Linien sind keine Grenzen, sondern Resonanzräume.

„Listening to the echo refers to being open to what comes towards you… it may be something that you feel in your body as an excitement, without being able to put your finger on what it is.“

William Kentridge, 2025

Dieses Zitat steht wie ein Schlüssel über der Ausstellung. Denn wer Kentridge begegnet, begegnet nicht nur Kunst, sondern einem Prozess des Zuhörens: den Echos der Geschichte, den Stimmen der Erinnerung und den Geräuschen des Alltags.

Gesellschaftliche Fragestellungen im Blick

Kentridge ist ein Chronist der Fragmente – seiner eigenen Geschichte ebenso wie der kollektiven. Seine Arbeit wirft eine Reihe allgemeiner Fragen auf, die weit über die Ausstellung hinausreichen:

Wie erinnern wir? Kentridge zeigt, dass Erinnerung keine lineare Erzählung ist, sondern fragmentarisch und vielfach überlagert. Seine Arbeiten erinnern daran, dass jede Erinnerung zugleich ein Überblenden und ein Vergessen bedeutet – ein Gedächtnis in Bewegung. Das betrifft in unserer Zeit nicht nur historische Erinnerungskulturen, sondern auch das, was man als „Klimagedächtnis“ oder „Migrationserinnerung“ bezeichnen könnte: die Art und Weise, wie wir globale Erfahrungen und Verantwortung speichern.

Ausstellungsansicht, WILLIAM KENTRIDGE – LISTEN TO THE ECHO im Museum Folkwang in Essen. Foto: Sebastian Drueen@Museum Folkwang
Ausstellungsansicht, WILLIAM KENTRIDGE – LISTEN TO THE ECHO im Museum Folkwang in Essen. Foto: Sebastian Drueen@Museum Folkwang

Wer produziert Identität? In seinen Werken behandelt Kentridge Machtverhältnisse, Kolonialismus, Ausgrenzung und Teilhabe. Seine Figuren sind keine Helden, sondern Zeugen – zwischen Schuld, Erinnerung und Handlungsspielraum. Analog dazu bleibt auch in unserer Gegenwart die Frage aktuell, wer sichtbar ist, wer erzählen darf und wer außen vor bleibt.

Was heißt Gemeinschaft? Kentridge denkt Gemeinschaft nicht als Zustand, sondern als Bewegung. Seine Gruppenbilder, Prozessionen und Performances zeigen Gesellschaft als etwas Dynamisches, als fortwährende Aushandlung zwischen Individuum und Kollektiv. Eine Perspektive, die sich mühelos auf die Gegenwart übertragen lässt. Wie formen wir heute Gemeinschaft – in Zeiten von Digitalisierung, Migration und Individualisierung?

Kunst als Prozess, Gesellschaft als Prozess. Statt vollendete Zustände zeigt Kentridge Werden, Wandel und Wiederholung. Diese Themen spiegeln sich in unserer Zeit wider, in der gesellschaftliche, politische und technologische Umbrüche das einzig Beständige sind. Kentridge zeigt, dass Kunst kein fertiges Statement ist, sondern eine Bewegung zwischen Zeit, Raum und Verantwortung. Seine Bilder sind Denkprozesse und seine Filme Zeichnungen im Fluss.

Lassen Sie sich auf die Werke ein

Wer die Ausstellung besucht, sollte sich Zeit nehmen. Zeit zum Schauen, zum Lauschen und zum Nachhallen. Verweilen Sie bei den Zeichnungen, denn hier beginnt oft die Erkenntnis. Beobachten Sie die Übergänge zwischen Film und Raum: Wie verändern sich Licht, Bewegung und Klang? Wo entstehen Pausen? Welche Spuren bleiben, welche verschwinden? Stellen Sie sich selbst Fragen: Was hallt nach? Welche Bilder bleiben? Welche Gedanken bewegen mich weiter? Vielleicht sind es gerade diese leisen Echos, die noch lange nach dem Besuch hörbar bleiben.

William Kentridge. Listen to the Echo

In Kooperation mit den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden ist diese Doppelausstellung entstanden, die in Essen ab dem 4. September und in Dresden ab dem 6. September 2025 zu sehen ist.

Museum Folkwang, Essen, bis zum 18. Januar 2026. Infos: museum-folkwang.de

Hier wird Kentridges Gesamtwerk von den späten 1970er Jahren bis heute präsentiert – Zeichnungen, Filme, Grafiken, Skulpturen, Medienarbeiten

Staatliche Kunstsammlungen Dresden (SKD), Dresden, Der Ausstellungsteil in Dresden findet an drei Standorten statt: Albertinum, Kupferstich‑Kabinett im Residenzschloss und die Puppentheatersammlung im Kraftwerk Mitte. Laufzeiten: Albertinum bis 4. Januar 2026, Puppentheatersammlung bis 28. Juni 2026. 

Der Fokus liegt hier stärker auf Druckgrafik und interdisziplinären Medien. Weitere Infos: museum-folkwang.de

Titelbild: William Kentridge, Foto: Museum Folkwang Sebastian Drüen, Werke © William Kentridge

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