ENFANT EN VOGUE | Belgische Erfolgsgeschichten zwischen Kreation und Kommerz

Von Olivia Steinweg

Denkt man an Mode aus Belgien, so denkt man an Dries Van Noten. Die Kollektionen des aus Antwerpen stammenden Designers gehören zu den großen Highlights auf den renommiertesten Laufstegen der Welt. Seine Kreationen sind von einer nie dagewesenen poetischen Sensibilität geprägt; die Stoffe, Drucke und Stickereien eine Hommage an die Kunst. Seit über 30 Jahren bezaubert Van Noten seine Kunden mit Romantik, die er in feinfühliger Art und Weise durch seine Mode zum Leben erweckt.

Auch die Kindermode Belgiens verschafft sich mittlerweile weit über seine geographischen Grenzen hinaus Gehör. Klassischer und moderner Stil ergänzen sich aufeine wundervolle Art und Weise. Zwischen Materialien, Texturen, Formen und Farbtönen findet ein gelungenes Zusammenspiel statt. Eine wahre Meisterin ihres Faches und Pionierin der Branche ist Anne Kurris. Bevor sie 1998 ihre erste eigene Kindermoden-Kollektion ins Leben rief, arbeitete Kurris als Grafik-Designerin für Dries Van Noten. Ihre farbenfrohen, fantasievollen und bildreichen Designs sind von Pop-Art und der Natur inspiriert. Ein Mix aus bunten Bonbonfarben und verspielten Motiven nimmt uns mit auf eine Reise durch eine bezaubernde Kinderwelt, aus der man gar nicht zurückkehren mag. Mal als abstrakte Zeichnungen, dann wieder fotorealistisch tummeln sich farbenprächtige Prinzessinnen, Blumen und eine ganze Horde an Tieren auf den mit Sorgfalt ausgesuchten Materialien.

Auch die Kollektionen des Labels Simple Kids aus Antwerpen präsentieren sich voller lebhafter Farben, fantasievollen Mustern und kindlicher Verspieltheit. Mit viel Herzblut mischt Chefdesignerin Melanie Ireland gekonnt den Vintage-Style der 60er und 70er mit einem bequemen Casual-Style, der den Kindern die Freiheit lässt, die sie zum Toben und Erkunden der Welt benötigen. Alles in Allem Kollektionen, die nur so vor Lebensfreude, Übermut und Exzentrik sprühen. Das Label Bellerose ist in Belgien bekannt für den Casual-Chic-Look. Die aktuelle Kollektion ist inspiriert von den Gemälden der Künstlerin Frida Kahlo, der mexikanischen Folklore und dem kalifornischen Biker-Stil. Das Ergebnis ist ein wundervoller Mix aus traditionellen Mustern, entkrampften Formen und kontrastierenden Texturen.

Und gerade weil die belgische Kindermode für ihre Farbenpracht so bekannt ist, überraschen die Kreationen der Künstlerin Caroline Bosmans umso mehr. Ihr exzentrischer Stil ist zwar verspielt, aber farblich komplett reduziert. Schwarz und Weiß und vielleicht auch mal hier und da ein zarter Rosé- oder Pastelgelb-Ton – das war’s. Umso auffälliger sind dann aber wieder die Designs und Muster. In ihrer Kollektion EMOtICON überraschte Bosmans uns mit überdimensional großen Smileys, die uns mal lachend, dann wieder erschrocken oder verliebt in die Augen schauen. Aktuell finden sich Raubtierprints auf Fake-Furs und Comic-Enten auf bauschig gesteppten Kleidern. „I love to work with the boundaries between boys and girls. I love androgyn fashion. Everything can be worn by boys and girls, except for the skirts and dresses“ erklärt die Designerin ihre Modelinie, die sie ganz bewusst zum Großteil unisex konzipiert hat.

Belgische Mode liegt im Trend – das ist schon lange bekannt. Die berüchtigten „Sechs aus Antwerpen“ – darunter Dries Van Noten, Marina Yee, Martin Margiela, Demeulemeester, Dirk Van Saene, Dirk Bikkembergs und Walter Van Beirendonck haben in den 80er Jahren dem Massenmarkt den Kampf angesagt und sind bis heute Vorbilder in Sachen Originalität, Kreativität, Know-how und einer gesunden Portion an Radikalität. So können auch die Kindermodedesigner und vielversprechenden Talente der Branche auf eine lange und reiche Tradition belgischer Mode zurückblicken. Was aber genau macht belgische Kindermode aus und worin unterscheidet sie sich zu deutschen Kollektionen? Auch wenn Mode für Kinder in Deutschland einen immer höheren Stellenwert bekommt, haben Länder wie Skandinavien, Frankreich, Italien und Belgien uns eine Nase voraus. Nur langsam erst entwickeln die deutschen Mütter und Väter ein Interesse an ausgewählter Qualität, Bio-Mode oder echter Designer-Ware für ihre Kinder. Und langsam sind sie auch bereit für Qualität mehr Geld auszugeben, statt in den großen Modeketten einzukaufen. In Belgien hat Kreativität einen hohen Stellenwert. Sein Kind gut aussehen zu lassen ist selbstverständlich. Und wer sich teure Designermode nicht leisten kann, wird selber kreativ und schneidert für den Nachwuchs aus Stoff-Restposten der Designer-Ateliers Kleider, Hemden, Hosen & Co..

Wir haben mit Roberta Zingg – Mitgründerin und Mitinhaberin des Kindermoden-Online-Shops stadtlandkind.ch – über den Stellenwert belgischer Kindermode unterhalten. Roberta Zingg ist selber Mutter von drei Kindern und weiß, worauf es bei Mode für Kinder ankommt. Sie hat viele belgische Labels im Programm und liebt deren unverwechselbaren Stil.

Roberta, was macht den belgischen Kindermode-Look aus?
Die Belgier haben den Sinn für Design, belgische Mode ist selbstbewusst und hat Stil. Ich denke da an Klassiker wie Maan und Bellerose.

Wie sieht es mit den Stoffen, Schnitten und Farben belgischer Kindermode aus?
Ich empfinde die Schnitte belgischer Mode im Allgemeinen als geradliniger, die Stoffe als fester und die Prints als prägnanter, als es bei deutscher Kindermode der Fall ist. Was mir auffällt, ist auch, dass die belgischen Labels bei der Fotografie ihrer Produkte keine Kompromisse eingehen. Die Shootings werden ebenso hochwertig produziert, wie die Kollektionen selbst.

Gibt es eine bestimmte Linie die sich durch alle Kindermode-Labels zieht?
Nein. Es gibt Labels wie Miss Chips, die Stil und Verspieltheit auf eine ganz natürliche Art vereinen, aber dann gibt es auch Labels, die weniger verspielt sind und komplett auf Rüschen und Schnörkel verzichten. Die Belgier scheuen sich nämlich nicht vor einer Prise Ernsthaftigkeit. Kindermode muss nicht immer fröhlich sein.

Gibt es ein Label, das den belgischen Look am besten verkörpert?
Mein persönlicher Favorit ist das belgische Label Caroline Bosmans. Die Kleidungsstücke sind zeitlos, die Schnitte sehr grafisch, die Qualität hochstehend. Caroline Bosmans macht Kunst, sie hat Humor, und der ist schwarz. Wer in ein Caroline Bosmans Stück investiert, wird sich lange daran erfreuen. Ich habe deshalb auch eine kleine Kollektion in Mama-Größen für unseren Webshop eingekauft.

Neugierig geworden, haben wir die Modedesignerin Caroline Bosmans gefragt, welchen Unterschied es zwischen deutscher und belgischer Kindermode gibt. Bosmans hält sich dezent vor Vergleichen zurück und erklärt allein die Herangehensweise belgischer Designer an Mode: „I think Belgian fashion is highly individualised. For me as a Belgian designer it is very important to bring a personal vision.“ Vielleicht ist gerade das der kleine, feine Unterschied: Kommerziell zu bleiben, aber Individualität zu wahren.

www.driesvannoten.be | www.simplekids.be | www.bellerose.be | www.annekurris.com
www.carolinebosmans.com | www.stadtlandkind.ch

Weitere Beiträge
GALERIE SPRINGER