SARIS – ein Meer an Farben und Mustern

Von Mascha Schlubach

Zwischen den Inderinnen und den Saris besteht eine „tiefe, identitätsstiftende Verbundenheit“, weshalb dieses außergewöhnliche Kleidungsstück noch immer im Zuge der Tradition einen wichtigen Stellenwert in Indien hat. Er repräsentiert eine Kultur, die sich designgeschichtlich mindestens tausend Jahre zurückverfolgen lässt und dabei ebenso mannigfaltig ist wie die Ausstattungen und Formen der jeweiligen Gewänder. Ein Sari, der in den verschiedenen Regionen Indiens unterschiedliche Namen wie lugda, dhoti, pata, seere, sadlo oder kapad trägt, besteht aus einteiligen oder mehrteiligen Stoffbahnen, die in bestimmter Wickeltechnik um den Körper gebunden werden. Das Entscheidende hierbei ist, dass der Sari niemals durchstochen bzw. genäht, sondern lediglich durch die Art des Wickelns fixiert wird, um so den Anspruch von Rein- und Einfachheit zu bewahren. Die Farbenvielfalt der Saris, die uns heute als ein signifikantes Merkmal begegnet, ist allerdings eine recht junge Errungenschaft. Denn erst im späten 19. Jahrhundert wurden chemische Farbstoffe eingeführt. Davor wurden die Gewänder in ganz Indien komplett in weiß gefertigt, was nicht nur Kostengründen geschuldet war, sondern ebenfalls der Idee von Reinheit und Zurückhaltung Ausdruck verleihen sollte. So vielfältig wie Indien selbst ist, so vielfältig sind auch die Modelle der Saris, weshalb es ohnehin nicht die Definition des einen Saris gibt. Er variiert sowohl in den unterschiedlichen Bundesstaaten als auch im Bezug auf die Tragweise der jeweiligen Frauen. So ist der Sari durch seine Form und Struktur nicht nur regional different, sondern gibt durch die Art und Weise des Tragens auch Aufschluss auf den Charakter und die Haltung der Trägerin. Denn die Frauen können zusätzlich den Stoff ganz individuell binden, sodass der Sari auf dem Fahrrad ebenso praktisch ist wie bei der Betätigung von körperlicher Arbeit und gleichzeitig einen personalisierten Charakter bekommt. Damit ist er für Rta Kapur Chishti, Autorin und Wissenschaftlerin, das „einzigartigste und vielseitigste Kleid der Welt.“ Aber natürlich steht auch der Sari dem Wandel der Zeit gegenüber – industrielle Webereien und Spinnereien lösten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts den handbedienten Webstuhl ab und verdrängten damit in vielen Orten die nun arbeitslosen Weber und die traditionelle Fertigkeit bzw. Herstellungsweise der ausgefallenen Gewänder. Aber auch die Globalisierung und der damit einhergehende Import von Billigware wie Chiffon und Seide aus China, erschwert mittlerweile sogar den großen Textilfabriken das Überleben. Außerdem orientieren sich die indischen Frauen stark an der westlichen Mode, wodurch der Sari als Alltagskleidung immer mehr in den Hintergrund rückt. Nur bei besonderen Anlässen wie beispielsweise der Hochzeit, wird der Sari nach wie vor getragen und bleibt so immer noch ein fester Bestandteil der indischen Mode und Kultur.

Buchempfehlung:
Sari. Das schönste Kleid der Welt. Dumont Verlag. ISBN 9783832194581.
Mit Farbschnitt, in eigens gestalteter Seide gebunden. Rta Kapur Chishti ist Co-Autorin und Herausgeberin verschiedener Publikationen über Saris und indische Textilien. Sie gründete die „Sari School“, die Saris herstellt und Workshops zum Tragen von Saris organisiert.
Das Buch ist nicht mehr im Buchhandel aber durchaus noch antiquarisch erhältlich.

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