J.U.N.E. Musikalische Flashmobs bringen Menschen zusammen

Seit Juni 2019 spielt das sechsköpfige Ensemble J.U.N.E. unter freiem Himmel in verschiedenen Kölner Stadtteilen für alle Menschen, stiftet dabei Zusammengehörigkeit und bringt Jazz in jedes Ohr.

Von Mascha Schlubach

Lieber Jérôme, vor zwei Jahren haben wir uns schon über deine Tätigkeit als Vorsitzender und über die Visionen und Projekte des Vereins ArtAsyl unterhalten. Seitdem ist viel passiert: neue Workshops, zum dritten Mal das Kulturfestival SemiCologne und seit 2018 mit der Auszeichnung als Startsocial-Bundespreisträger prämiert. Das ist ja schon eine beachtliche Leistung, die ihr, seit der Gründung des Vereins im September 2015, eingefahren habt. Im Juni diesen Jahres habt ihr noch ein weiteres Projekt an den Start gebracht mit dem markanten Namen J.U.N.E. – Was genau ist das für ein Projekt und was versteckt sich hinter dem Namen?

J.U.N.E. steht für Jérôme’s Urban Neighborhood Ensemble. Allerdings bin mit Jérôme nicht ich gemeint, sondern der Fußballer Jérôme Boateng. Denn vor einigen Jahren sagte der AFD-Politiker Alexander Gauland einen Satz, der uns seitdem beschäftigt und vor allen Dingen verärgert: Die Leute fänden einen Boateng als Fußballer gut, aber sie wollen ihn nicht zum Nachbarn haben. Das Ensemble-Projekt ist unsere Antwort auf Gauland, denn wir sind der Meinung, dass Herkunft und Hautfarbe vielleicht für die Gaulands dieser Welt eine Rolle spielen, in unserer Generation jedoch nicht. Wir wollen gerne einen Boateng als Nachbarn haben, wir freuen uns über die Diversität unserer Gesellschaft, weil wir sie als eine große Bereicherung empfinden.

J.U.N.E. in Köln © ArtAsyl e.V.

Wenn ich das richtig verstanden habe, besteht das Ensemble aus sechs festen Mitgliedern. Gab es so etwas wie ein offizielles Vorspiel oder nach welchen Kriterien habt ihr die MusikerInnen ausgewählt?

Die Auswahl der Musikerinnen hat konsequent nach musikalischen Kriterien stattgefunden. Alle sind Profis aus dem Umfeld der Hochschule für Musik und Tanz, die von unserem Musikalischen Leiter Pascal Hahn für das Projekt angesprochen wurden. Da wir das Projekt in diesem Jahr mit einer Förderung des Kulturamts Köln durchgeführt haben, war der professionelle Ansatz eine Voraussetzung für die Teilnahme am Projekt. Und jetzt kommt das Spannende: Das Ensemble war auf ganz natürliche Weise divers, die Musikerinnen kommen aus vier unterschiedlichen Ländern. Das zeigt uns, dass Deutschland nicht mehr darüber diskutieren muss, ob es ein Einwanderungsland sein will, es ist schon längst eines. Die diverse Zusammensetzung des Ensembles muss nicht erzwungen werden, sie ergibt sich einfach, weil Köln eine diverse Stadt ist.

Bis dato habt ihr euch als Verein ja vor allem auf den Bereich der künstlerischen Vermittlung und integrativen Förderung konzentriert. Das Projekt J.U.N.E. setzt jetzt alles auf die Musik. War es euch ein Anliegen, einen weiteren Fokus auf einen musikalischen Dialog zu legen und was erhofft ihr euch von dieser Form des Austauschs?

J.U.N.E. geht verglichen mit unseren bisherigen Projekten in der Tat neue Wege. Wir sehen es als unsere Hauptaufgabe an, Menschen über die Kunst zusammenzubringen. Das geschah bislang vorrangig in den verschiedenen Kursen, Workshops und Veranstaltungen. Bei J.U.N.E. versuchen wir etwas anderes: Wir bringen Menschen als Publikum zusammen, die sonst eher selten oder mitunter gar nicht an der Philharmonie, den Jazzclubs oder der Oper partizipieren. Aus sehr unterschiedlichen Gründen: Manchmal steht der Preis dem Konzerterlebnis im Weg, aber oftmals gibt es auch andere Barrieren: Bin ich erwünscht? Was muss ich anziehen? Wann darf ich klatschen und wann nicht? Unser Ensemble formte zufällige Gruppen von Menschen in ihrem Alltag zu einem Publikum, weil wir flashmobartig in Erscheinung getreten sind: Ohne Vorankündigung oder Einladung. Die Menschen gingen auf den Wochenmarkt und plötzlich stand da unser Ensemble und spielte ein Konzert für sie. Die freudigen Reaktionen bei unseren Konzerten und die Zuschriften im Nachgang haben uns ganz klar bestätigt, dass die Begeisterung für Musik überall vorhanden ist und wir uns Gedanken darüber machen müssen, wie wir mehr Teilhabe breiterer Bevölkerungsteile erreichen können.

Gibt es so etwas wie eine musikalische Ausrichtung des Ensembles, die sich wie ein roter Faden durch die jeweiligen Auftritte zieht?

Das Ensemble trägt ganz klar die Handschrift von Pascal Hahn, den ich als grandiosen Jazzmusiker bewusst angesprochen habe. Denn im Jazz lassen sich die unterschiedlichen musikalischen Einflüsse und Herkünfte unserer Musiker*innen sehr gut vereinen. Das Sitarspiel von Hindol Deb prägt zudem den Sound unseres Ensembles, egal ob bei der Ode an die Freude oder den größtenteils selbst komponierten Stücken. Die Musik, die Pascal mit dem Ensemble geschaffen hat, geht einem richtig ans Herz. Das Publikum hatte größtenteils die Augen geschlossen und ein Lächeln auf den Lippen. Vielleicht beschreibt dieses Bild am besten den roten Faden…

Bisher hat das sechsköpfige Ensemble sechs Konzerte im öffentlichen Raum gespielt. Jedes Mal in einem anderen Stadtteil von Köln. Nach welchen Kriterien sucht ihr die Orte aus, an denen J.U.N.E. spielt und wie wurden die bisherigen Auftritte aufgenommen?

Die Auswahl unserer Spielorte hat mit dem Grundgedanken zu tun, Musik dort erlebbar zu machen, wo sonst eher selten oder nie Mittel der Kulturförderung ankommen. Viele der Orte werden als ‚soziale Brennpunkte‘ wahrgenommen, beispielsweise der Wiener Platz im Mülheim, oder der Kölnberg. Wir sind deswegen ganz gezielt an solche Orte gefahren und haben uns angesehen, wen wir dort zu welcher Zeit erreichen können. Die Gruppe Jugendlicher, die mit dem Handy HipHop hört; die Kids im Fußball-Trikot, mit denen wir uns sprachlich nicht verständigen konnten, die dafür umso begeisterter das Schlagzeug ausprobiert haben; die ältere Frau auf dem Wochenmarkt in Chorweiler, die uns von ihrer Rente etwas abgeben wollte, weil sie so begeistert war. An unseren Konzertorten haben wir Menschen getroffen, denen wir sonst eher sporadisch begegnen. Und wir haben ihnen das Gefühl vermittelt, dass sie nicht vergessen wurden, dass auch bei Ihnen mal etwas passiert, was sie sonst nur im Fernsehen sehen. Diese Rückmeldung haben wir nach jedem Konzert erhalten.

J.U.N.E. in Köln © ArtAsyl e.V.

In unserem letzten Interview haben wir von der Kraft der Kunst gesprochen. Wie stehst du zu der Kraft der Musik? Ist sie eine Ergänzung zum bisherigen Sprachrohr der Kunst oder kann sie im Bereich des interkulturellen Austauschs etwas ganz eigenes leisten?

Kunst ist eine Sprache, die auch ohne Worte verstanden wird. Ich denke das gilt insbesondere für die Musik. Natürlich unterscheiden sich die verschiedenen Musiktraditionen, aber Musikalität erleichtert die Begegnung, den Austausch und bietet die Möglichkeit Neues zu schaffen. Neben J.U.N.E. machen wir noch zahlreiche andere Projekte mit Musik, beispielsweise unseren Geigenunterricht in Ehrenfeld und Weiden, die Neugründung einer kleinen Band in einer Geflüchtetenunterkunft im Kölner Norden, zwei Chöre und ein elementar-musikalisches Projekt mit der Universität zu Köln. Wenn wir von Kunst sprechen, dann ist immer auch Musik gemeint.

Am 30. November spielt das Ensemble ihr siebtes und letztes Konzert auf dem Ebertplatz. War das Projekt von Anfang an auf sieben Auftritte begrenzt oder können wir uns auf ein achtes, neuntes und zehntes Konzert im Jahr 2020 freuen?

Ursprünglich waren sechs Konzerte in diesem Jahr geplant, das siebte ergab sich dann aus einer Förderung durch den Heimatscheck NRW. Durch J.U.N.E. zeigen wir nämlich, dass der Begriff Heimat nicht nur aus Karneval und Schützenfest besteht, sondern auch ein Zukunftsbegriff ist, den wir selbst gestalten können. Wenn unsere Musiker*innen aus unterschiedlichen Ländern zusammenkommen und etwas Neues schaffen, dann ist auch das Heimat. Das wollen wir am 30.11. um 13:30 Uhr auf dem Ebertplatz zeigen.
Aber eine schlechte Nachricht habe ich auch: Eigentlich wollten wir im kommenden Jahr vier weitere Konzerte spielen und dabei sogar einen Schritt weitergehen, indem wir geflüchtete und nichtgeflüchtete Menschen persönlich einladen, diverse Bands mit auf die Bühne holen und so in Ehrenfeld einen Raum für Begegnung schaffen. Leider wurde unsere Förderung nicht bewilligt, sodass wir Stand jetzt nicht wissen, wie es weitergehen kann.

Wer das Ensemble also noch einmal live erleben will, hat am 30.11.2019 ab 13:30 Uhr auf dem Ebertplatz in Köln die Chance dazu.

Und wer nochmal genauer wissen will, wer hinter ArtAsyl steckt und was der Verein für Projekte beherbergt, kann hier, in unserem Interview von 2017, noch einmal nachlesen.

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