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DIE KRAFT DER KUNST – Wie junge Menschen kulturelle Brücken bauen

ArtAsyl – ein kurzer, prägnanter Name, der die Sache im Kern trifft. Es geht um Kunst und es geht um Integration. Zwei Bereiche, die symbiotisch werden können, wie der ehrenamtliche Verein aus Köln beweist. Im September 2015 haben sich 10 junge Menschen zusammengeschlossen, um den Fragen nach Migration und Integration mit einer Sprache zu begegnen, die jeder versteht: Der Sprache der Kunst. Mit gemeinsamer Kraft und dem Wunsch dort anzupacken, wo es am nötigsten ist, haben die Initiatoren zusammen mit vielen ehrenamtlichen Helfern eine Plattform geschaffen, die geflüchteten Menschen die Möglichkeit bietet künstlerisch tätig zu werden. In unzähligen Projekten und Workshops wird gemalt, getanzt und musiziert, denn es soll vor allem darum gehen, den oftmals traumatisierten Teilnehmern einen Raum zu geben Vergangenes zu verarbeiten, sich auszudrücken und die eigene Kreativität zu fördern. Eine Herangehensweise, die 2016 auch den Bezirksbürgermeister des Stadtbezirks Köln-Innenstadt überzeugt hat und der seitdem als Schirmherr des Vereins fungiert. Wir haben Jérôme Lenzen, erster Vorsitzender und Mitbegründer von ArtAsyl, in Köln getroffen.

Bei ArtAsyl sind der Kreativität keine Grenzen gesetzt © Jérôme Lenzen

 

Lieber Jérôme, wann wurde ArtAsyl gegründet und wie kam es eigentlich zu der Idee? Gab es auf deiner Seite eine Art Initialzündung, um das Projekt ins Leben zu rufen?

ArtAsyl wurde am 3. September 2015 gegründet. Die Idee entstand allerdings schon deutlich früher. Als in Dresden die Pegida-Anhänger anfingen Montags „spazieren“ zu gehen, reifte mehr und mehr der Gedanke diesem Trend etwas entgegen zu setzen, eine eigene Initiative zu starten. Es ging darum ein Bekenntnis zu einer offenen Gesellschaft zu formulieren, aber es gleichzeitig nicht dabei zu belassen, sondern mit konkreten Taten diese offene Gesellschaft auch zu gestalten. Dies verschmolz dann mit meiner ursprünglichen Idee eines interkulturellen Ateliers. In vielen Gesprächen mit meinen Freunden Johannes (Paasche, Zweiter Vorsitzender) und Julius (Bruncken, Gründungsmitglied) wurde der Plan schließlich immer konkreter, wir haben viel Kaffee und auch das eine oder andere Kölsch getrunken. Am Ende stand dann die Gründung von ArtAsyl, obwohl das eigentlich erst der Anfang von allem war.

Kunst verbindet Kulturen“ ist ein zentraler Gedanke von ArtAsyl. Vor allem in der heutigen Zeit ist das Thema Integration wichtiger denn je. Wie schafft es euer Verein die Brücke zwischen den Menschen unterschiedlicher Kulturen zu schlagen und Kunst zu einem Verbindungselement werden zu lassen?

Zunächst sei gesagt, dass wir uns auch aus pragmatischen Überlegungen auf die Kunst als Medium festgelegt haben. Wir haben nach einer Möglichkeit gesucht Kommunikation zu ermöglichen, ohne dass sprachliche Barrieren im Wege stehen. Die Kunst bietet uns diese Möglichkeit, indem wir den Pinsel oder das Musikinstrument an die Stelle von Worten setzen. Dadurch wurden wir von den Geflüchteten verstanden und sie konnten uns auf Anhieb verstehen. Bei keinem unserer Projekte kamen Dolmetscher zum Einsatz. Mittlerweile sprechen die meisten Kinder schon super Deutsch, an unserer Verständigung hat das allerdings nichts geändert. Da gab es eigentlich nie Probleme.

Jetzt mal fernab von den pragmatischen Beweggründen: Wie stark ist der Glaube an die Kraft der Kunst für dich?

Ich erinnere mich noch an eines unserer ersten Projekte…Wir kamen in einem Geflüchtetenheim an und trotz vorheriger Aushänge und Ankündigungen waren kaum Kinder im Projektraum. Wir machten uns zunächst nichts daraus und bauten unsere Musikinstrumente auf. Sobald E-Gitarre und Schlagzeug zu hören war, strömten die Kinder aus allen Richtungen zu uns und machten begeistert mit. Mein Glaube an die Kraft der Kunst wurde durch diese Anekdote sehr gestärkt. Es hat mir gezeigt, dass wir mit Kunst, in diesem Falle Rockmusik, viel mehr erreichen können als mit gut gemeinten Worten. Wir haben ein Zugang zu den Kindern gefunden, eine Sprache, die auch ohne Worte verstanden wird.

Wenn man sich auf eurer Homepage umsieht, ist man beeindruckt von dem vielfältigen Programm, was ihr aufgestellt habt – von Musikpraxis über Kunstunterricht, bis hin zu Tanz und Theater sowie diverse Malkurse, ist alles dabei. Gibt es etwas, was besonders beliebt ist bei den Teilnehmern?

Das ist eine schwierige Frage, denn das Interesse der Kinder und Jugendlichen verteilt sich je nach Alter auf unsere unterschiedlichsten Angebote. Sicherlich erfreuen sich elektronische Musikinstrumente besonderer Beliebtheit. Ebenfalls beliebt bei den „älteren“ Kids sind Comics und Graffiti, was auch eine Studie der Bundeskunsthalle belegt, die wir in unsere Projektplanung haben einfließen lassen. Das wichtige an unserem Projektangebot ist aber nach wie vor ein breit ausgelegtes Verständnis von Kunst. Dazu gehört ein Hip-Hop-Tanzkurs oder ein Projekt zu kreativem Programmieren genauso wie klassische Malkurse und Klavierunterricht.

Wenn man das alles so hört, drängt sich mir förmlich eine Frage organisatorischer Natur auf. Wie schafft man es überhaupt so viele unterschiedliche Projekte auf die Beine zu stellen?

Diese Vielzahl von Projekten lässt sich nur durch unser junges und dynamisches Team umsetzen. Wir sind im engeren Kreis gerade einmal zu fünft für die Koordinierung sämtlicher Aktivitäten zuständig, doch wesentlich ist das Verständnis untereinander, wir sind mehr als nur Kollegen, wir sind Freunde. Das macht unsere Arbeit einfacher, weil wir uns gut verstehen und gemeinsam Spaß haben. Um uns herum wirken zudem eine ganze Menge weitere Ehrenamtliche in den Projekten vor Ort, ohne die wir das Programm gar nicht stemmen könnten. Ich denke es ist zudem ganz wesentlich, dass wir den Verein in Köln gegründet haben. Hier begegnen wir so vielen weltoffenen und toleranten Menschen, denen eine solidarische Gesellschaft am Herzen liegt. Diese Stadt hat sich ihre Werte bewahrt, auch und gerade in dem Moment, als sie am meisten herausgefordert wurden. Auf diesem Fundament ließ sich die Idee von ArtAsyl erfolgreich verbreiten.

So einen Verein am Leben zu halten, ist sicherlich eine große Herausforderung, die viel Energie kostet. Du bist als erster Vorsitzender der Ansprechpartner für alles, was die Projekte, Kooperationen, Fördermittel und Kontaktaufnahmen des Vereins betrifft. Woher nimmst du deine Motivation und vor allem: was treibt dich an?

Ich empfinde es als großes Glück, dass ich unserem Verein so viel Zeit widmen darf. Motivationsprobleme sind bislang keine aufgetreten (lacht). Das hat sicherlich damit zu tun hat, dass wir als Team ArtAsyl zwar freiwillig machen, gleichzeitig aber die Relevanz der Aufgabe erkennen. Die Integration ist die große zivilisatorische Herausforderung unserer Gegenwart und unserer Generation. Sich jeden Tag dieser Aufgabe zu stellen, treibt uns an. Wir wollen Verantwortung übernehmen und gestalten; das ist Motivation genug!

Das klingt alles sehr reibungslos bis jetzt; gab es denn in euerem zweijährigen Bestehen auch mal kritische oder stagnierende Phasen, wo die Zukunft des Vereins auf der Kippe stand?

Kritische Phasen ist vielleicht zu drastisch formuliert, aber selbstverständlich gab es auch Phasen, in denen der Zulauf stockte, wir mit weniger Ehrenamtlichen agieren mussten, oder seitens der arrivierten Akteure zu wenig Unterstützung erfahren haben. Das war und ist ein Effekt des öffentlichen Diskurses, das mediale agenda setting hat sich gewandelt. Die Willkommenskultur steht nicht mehr so sehr im Mittelpunkt wie 2015. Doch auf solche Phasen folgten dann auch wieder kleine Eintrittswellen in unseren Verein, unerwartete Spenden oder eine Interview-Anfrage, die uns neue Öffentlichkeit generierte.

Neben all den tollen Projekten, die ihr ins Leben gerufen habt, ist mir eins besonders präsent. Es trägt den schönen Namen „Montagsmaler“. Hier konzentriert ihr euch ja besonders auf die individuelle, künstlerische Förderung von geflüchteten Kindern zwischen 6 und 12 Jahren. Damit schafft ihr den Raum für persönliche Entwicklung und die kreative Auseinandersetzung mit sich selbst, was neben dem Fokus der Integration ein elementares Anliegen sein sollte, wie ich finde. Wie nehmen die Kinder diese Form von kreativer Freiheit an?

Das Projekt Montagsmaler ist wirklich etwas Besonderes, es handelt sich um ein kunsttherapeutisches Angebot. Unsere Mitglieder Theresia und Noelia gehen dabei sehr individuell und verständnisvoll auf die Bedürfnisse der Kinder ein. Die beiden machen das wirklich toll! Eines der im Projekt entstandenen Bilder wurde sogar bei unser Ausstellung SemiCologne ausgestellt und der erst neunjährige Künstler konnte es seiner stolzen Mutter zeigen. Wir geben den Kindern bei solchen kunsttherapeutischen Projekten die Möglichkeit selbst das Tempo zu bestimmen, selbst zu entscheiden, was sie wann der Leinwand, oder dem Papier anvertrauen möchten. Das ist ein ganz wesentlicher Aspekt unserer Arbeit. Als wir 2016 den Menschenrechtsanwalt Edgar Raoul zu Gast hatten und er von seiner Reise über die Balkanroute erzählt hat, war ihm vor allem wichtig, dass wir den Geflüchteten die power of choice zurückgeben. Wenn ihr ganzer Tagesablauf schon fremdbestimmt ist, vom Terminkalender bis zum Mittagessen, dann sollen sie wenigstens in der Kunst ihre Entscheidungsfreiheit zurückgewinnen.

Schön, dass du den Aspekt des Anvertrauens erwähnst; dazu fällt mir spontan ein Zitat von dem guten, alten Goethe ein, der sagte: Die Kunst ist eine Vermittlerin des Unaussprechlichen. Ich habe mich gefragt, ob ihr das bei eurer Arbeit spürt. Habt ihr das Gefühl, dass sich die Kinder und Jugendlichen über den Weg der Kunst anders öffnen können? Oder anders gefragt: Kann die Kunst einen Weg ebnen, um traumatische Erfahrungen besser auszudrücken und zu verarbeiten?

Ganz bestimmt! Die Kunst bietet die Möglichkeit sich zu öffnen und traumatische Erfahrungen auszusprechen, ohne dass man dabei gleich bloßgestellt wird. Man kann das Erlebte z.B. in einer Zeichnung mit einem Code versehen, Interpretationsspielräume gewähren oder verwehren. Dazu gehört natürlich auch, dass wir nicht bei jedem Bild sofort nachfragen, was es bedeuten soll, ob darin womöglich eine Szene der Flucht dargestellt wird. Grundsätzlich gilt: wir bohren nicht! Wenn jemand uns etwas anvertrauen möchte haben wir ein offenes Ohr, wenn nicht halten wir uns zurück. Das ist mit das Erste, was wir neuen Ehrenamtlichen vermitteln.

Die aktuelle Ausgabe von barton bezieht sich vor allem auf die Themenschwerpunkte Herkunft, Ursprung und Identität. Alles Bereiche, mit denen ihr bei eurer Arbeit mit geflüchteten Kindern und Jugendlichen auch konfrontiert seid. Daher meine Frage: Kann Kunst identitätsstiftend sein?

Mit dem Begriff der Identität tue ich mich in diesem Zusammenhang noch etwas schwer. Nicht weil ich ihn grundsätzlich ablehne, sondern vielmehr weil ich glaube, dass er sich für eine Diskussion schwerlich eignet, wenn jeder ihn anders versteht. Abseits davon kann der Kunst bei der Diskussion um Identität(en) womöglich eine Vermittlerrolle zukommen, sie kann eine Brücke schlagen und die Möglichkeit bieten die eigene Identität nicht in Abgrenzung zu anderen, sondern in Übereinstimmung mit sich selbst abzubilden. Durch unser Motto Kunst verbindet Kulturen versuchen wir natürlich auch auf eine Art Kosmopolitismus hinzuwirken, der jenseits von abgegrenzten Identitäten funktioniert. Humphrey Bogart hat das im Film Casablanca ganz interessant auf den Punkt gebracht.

 

Eine abschließende Frage: Wenn du die letzte Zeit von ArtAsyl rekapitulierst, wie fällt dein Resümee bis jetzt aus? Und was sind Wünsche für die Zukunft?

Zu sehen, wo die Idee ArtAsyl heute steht, macht mich unglaublich froh! Mein Zwischenfazit ist also sehr positiv, weil sich der Verein in ungeahnter Weise weiterentwickelt hat. Neben unserer Projektarbeit haben wir mit ArtBuddy ein Tandemprogramm für geflüchtete und lokale Künstler*innen aufgebaut, wir hatten die Ausstellung und haben die Grenze von 100 Mitgliedern durchbrochen. Das ist schon aller Hand. Ganz zufrieden bin ich aber natürlich noch nicht, denn das erklärte Ziel einer eigenen Räumlichkeit für den Verein ließ sich noch nicht verwirklichen, obwohl wir das finanzielle Fundament dafür gelegt haben. Hier wünsche ich mir, dass uns jemand in Köln, vielleicht auch die Stadt, ein passendes Angebot macht. ArtAsyl braucht endlich ein zu Hause für die Umsetzung unserer Ideen.