PLASTIKMEERE | Die globale Zeitbombe

Von Victor Abs

Viele haben sicherlich noch das durch die Weltpresse gegangene Foto in Erinnerung, das einen verendeten Wal vor der Küste Thailands zeigte. Über 80 Plastiktüten befanden sich in dem toten Tier, dass buchstäblich mit vollem Magen verhungern musste. Umherschwimmende Plastiktüten wurden sein Verhängnnis, die er bei seiner Nahrungsaufnahme von Plankton verschluckte. Da Plastik unverdaulich ist, füllte es seinen Magen und verhinderte jede weitere Verdauung. Ein solcher Vorfall ist mittlerweile keine Seltenheit an den Stränden dieser Welt, wo nicht nur Wale, sondern viele andere Fische, Vögel und Schildkröten als Opfer von Plastikmüll leblos anstranden. Schildkröten halten Plastik für eine ihrer Nahrungsquellen, nämlich Quallen, und verschlucken sie. Robben, Wale und Vögel verfangen sich in Plastikschnüren und Fischernetzen, stranguliern sich und ertringen.

Jetzt schlagen viele Umweltschutzorganisationen Alarm und fordern Regierungen und die Industrie weltweit auf, endlich zu handeln. Bis jetzt leider nur mit mäßigem Erfolg. Nach wie vor werden 311 Millionen Tonnen Plastik pro Jahr produziert, von denen es sich bei fast einem Drittel um Wegwerf- und Einwegprodukte handelt. Also Produkte, die nur für eine kurze Nutzungsdauer bestimmt sind und schnell weggeworfen werden. Andere Plastikprodukte wie z.B. PET-Flaschen können recycelt werden, doch landen auch viele von ihnen im Müll bzw. in der Natur und im Meer. Über eine geregelte Abfallwirtschaft verfügen zwar viele Länder, wie etwa Deutschland, das im europäischen Ländervergleich der Müllstatistik als Recycling-Spitzenreiter gilt. Jedoch ist eine Kontrolle, was wirklich in das Recyclingsystem gelangt, kaum möglich. Gerade in touristischen Gebieten und nahezu im gesamten südostasiatischen Raum ist Recycling noch ein Fremdwort. Aber gerade dort wird besonders viel Plastik produziert und verwendet. Ein anderes Phänomen ist der Handel mit Plastikmüll. Erst kürzlich hat China seine Plastikimporte eingestellt. Bis zu 56 Prozent des weltweiten Plastikmülls hatte China bis dahin übernommen und nur teilweise dem Recycling zugeführt.

Greenpeace fordert deshalb schon seit langem das so genannte Cradle-To-Cradle System (von der Wiege zur Wiege). Dabei sollen vor allem die Hersteller verpflichtet werden, für die Wiederverwertung der Plastikprodukte zu sorgen, indem sie Anreize schaffen, dass die benutzten Plastikprodukte wieder zu ihnen für die Wiederverwertung zurückgelangen. Damit die Kunden die Produkte tatsächlich zurückgeben, zahlen sie zunächst einen Pfand und bekommen diesen bei der Rückgabe zurück. Also eigentlich ganz einfach.

Doch wie so oft, sind auch hier die Dinge nicht so einfach wie sie sein könnten, und stattdessen wird das Problem von Tag zu Tag größer. Bis zu 13 Millionen Tonnen Plastikabfall gelangen jährlich in das Meer und können dort nicht verrotten. Weltweit gibt es mindestens fünf Plastikmüllstrudel, von denen der „Great Pacific Garbage Patch“ im Nord-Pazifik am bekanntesten ist. Er wurde 1997 entdeckt und hat mittlerweile die Größe von Mitteleuropa erreicht!

Dabei gelangt der Müll zu 80% von Land und zu 20% von der Seeschiffahrt ins Meer. Auch in unseren Breiten entsorgen immer wieder Schiffe ihren Müll im Meer. Dabei ist die Entsorgung von Plastik auf See weltweit verboten. Abgesehen von der vorsätzlichen Müllentsorgung auf dem Wasser verlieren Schiffe auch immer wieder Ladungen und Container. Die vielen über Bord geworfenen Fischernetze sind gar schon als Geisternetze bekannt, da sie als tödliche Falle im Meer herumschweben. Besonders in Entwicklungs- und Schwellenländern gelangt immer noch sehr viel Müll direkt vom Land ins Meer – auch über die Flüsse. Auch bei uns in Europa landet ebenfalls immer wieder Müll in die Flüsse; und gerade an Stränden wird viel Müll liegen gelassen oder gleich im Wasser entsorgt.

Eine weitere große „Quelle“ des Plastikmülls entsteht sogar unmittelbar in unserem alltäglichen Leben: Ob Peeling, Zahnpasta, Duschgel oder Körpercreme: Viele Kosmetikprodukte enthalten winzige Plastikkügelchen. Über unser Abwasser gelangen diese feinen Partikel ungefiltert ins Meer. Weitere Plastikpartikel stammen aus unseren Waschmaschinen: Fleecepullis und anderen Kunstfasertextilien verlieren bei jedem Waschgang Fasern, die so klein sind, dass sie weder im Sieb der Waschmaschine noch in Kläranlagen hängen bleiben, sondern ungehindert ins Meer gelangen.Oftmals treibt also der Plastikmüll gar nicht in Form von sichtbaren großen Teilen, sondern kommt entweder schon als Mikroplastik hinein oder zersetzt sich später im Salzwasser in diese kleinsten, bis zu 5 Millimeter großen Partikel. An diesem Mikroplastik haften im Wasser wie magnetisch diverse Umweltgifte wie Dioxine, Blei, Nickel und chlororganische Pestizide. Über den Umweg der der Nahrungskette unter Wasser gelangen diese krebserregenden Stoffe schließlich auch noch in die Körper der Meerestiere. Das Ergebnis ist desaströs und zutiefst besorgniserregend: Der Plastikmüll führt nicht nur zum quallvolem Tod vieler Meerestiere, sondern auch zu nachhaltigen Vergiftungen. Vermehrt konnten diese Schadstoffe schon in Speisefischen, Muscheln und Garnelen nachgewiesen werden, was bedeutet, dass wir Menschen sie mit unserer Nahrung auch aufnehmen.

Es ist also allerhöchste Zeit, endlich etwas zu unterhemen. Die Dringlichkeit hat auch das Umweltbundesamt (UBA) erkannt, das derzeit den Vorsitz der IG Plastics inne hat. Mit der EU Plastikstrategie, die kürzlich entwickelt wurde, sollen dafür die notwendigen Rahmenbedingungen geschaffen werden, um den Umgang mit Plastik in der EU so zu verändern, dass Landschaft und Meere sauber bleiben. Dazu gehört, deutlich mehr Plastik zu recyceln und auch das Bewusstsein dafür zu schaffen, sorgfältig mit Plastik umzugehen. Im Januar 2018 wurden erste Vereinbarungen dieser europäischen Strategie veröffentlicht, deren wesentliche Richtlinien folgendermaßen zusammengefasst werden können: Recycling soll zu einem lohnenden Geschäft gemacht, Kunststoffabfälle eingedämmt, die Vermüllung unserer Meere aufgehalten, Investitionen und Innovationen mobilisert und schließlich durch globale Lösungen ein Wandel in der ganzen Welt bewirkt werden. Die EU hat bereits einige Schritte unternommen und die Mitgliedstaaten verpflichtet, Maßnahmen zu treffen, um den Verbrauch von Kunststofftragetaschen zu verringern und Meeresabfälle zu überwachen und zu reduzieren. Als nächste konkrete Maßnahme stehen Regelungen zur Verringerung von Einweggeschirr an.

Endlich wird also etwas auf politischer Ebene unternommen. Doch sichtbare und wirksame Ergebnisse werden sich nur langsam einstellen können. In der Zwischenzeit kommt es auch auf jeden einzelnen von uns an, verantwortungsvoll mit Plastik umzugehen und den Gebrauch so weit wie möglich einzuschränken. Fangen wir also gleich damit an! Vielleicht schon morgen früh beim Zähneputzen oder beim nächsten Einkauf.

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LENA HARTMANN