CUT OUT! CUT IN!

Von Lena Hartmann

Papier gestaltet Charlotte McGowan-Griffin nicht mit Pinsel und Farbe, sondern mit einem Skalpell. Papierbahnen hängen in langen Streifen von der Decke, schlängeln sich über den Boden, entwickeln sich zu abstrakten Formen und filigranen Mustern. Lichteffekte heben die Staffelung von sich teilweise überlagernden Schichten hervor; eine Videoprojektion unter–streicht die Dynamik, die durch jeden Luftzug erzeugt wird. Raumgreifende Installationen der englischen Künstlerin wie The Whiteness of the whale aus dem Jahr 2008 entführen den Betrachter in eine mystische, fantastische Welt aus Licht und Schatten, Hell und Dunkel und geben ihm Rätsel auf.  Märchenhaft oder bedrohlich? Durchscheinend oder undurchdringlich? Kein Wunder, dass der Besucher nicht zuerst an Scherenschnitte denkt, dieses altmodisch anmutende Kunsthandwerk.

Die Psaligraphie, das ‚Zeichnen‘ von Umrissen mit Hilfe einer Schere oder eines Messers, wurde bereits im alten China, dem Ursprungsland der Papierherstellung, angewandt. Doch verbindet man den Scherenschnitt wohl am ehesten mit Erinnerungen an Bastelstunden in der Kindheit oder – kunsthistorisch betrachtet – mit liebreizenden Blumenstillleben, idyllischen Landschaftsdarstellungen oder romantischen Genreszenen. Vom 18. bis ins 19. Jahrhundert hinein erlebte der Papierschnitt seine Blütezeit. Er war beliebter Zeitvertreib der vornehmen Gesellschaft und mit Vergnügen ließ man die eigene Silhouette in zumeist schwarze Papierbögen schneiden. Nicht selten erscheinen einem auch heutzutage die Profilbilder berühmter Philosophen, Komponisten und Dichter dieser Epoche als schwarze Konturen. Für die gewerbsmäßige Produktion dieser besonderen Portraits hatte man eigens einen Silhouettier-Stuhl entworfen – eine wahre Erleichterung bei der Herstellung des exakten Umrisses. Solche kuriosen Hilfsmittel benötigte Philipp Otto Runge nicht, dessen Scherenschnitte wohl zu den bekanntesten ihrer Art gehören. Er beherrschte das Medium mit beeindruckender technischer Perfektion, fertigte Silhouetten freihändig an. Die Werke dieses Romantikers sind es, die unserer klassischen Vorstellung von Scherenschnitten entsprechen.

Nach einer gefühlten Ewigkeit – abgesehen von den gouaches decoupés von Henri Matisse Mitte des 20. Jahrhunderts – hat der Scherenschnitt in den letzten Jahren wieder an Aktualität gewonnen: als cut out. Dabei gelten die Arbeiten Runges nach wie vor als Vorbild für viele Künstler. Gerade die traditionellen Merkmale dieses Mediums sind es, die noch immer seinen Reiz ausmachen. Mit Kontrasten zwischen Schwarz und Weiß, dem damit unmittelbar assoziierten Gut und Böse, Innen und Außen, Positiv und Negativ können unterschiedlichste Bedeutungsebenen innerhalb einer Arbeit erzeugt werden. Durch die Reduktion auf die Linie wird eine Freiheit geschaffen, die feinste Ornamentik, figurative Motive oder einen hohen Grad der Abstraktion erlaubt. Indessen ist man als Betrachter davon überzeugt, die paper cuts durch ihre klare Bildsprache auf den ersten Blick erfassen zu können.

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Walker „The Nigger Huck Finn Pursues Happiness Beyond the Narrow Constraints of your Overdetermined Thesis on Freedom – Drawn and Quartered by Mister Kara Walkerberry, with Condolences to The Authors“, 2010, Cut paper Wandanstrich, 7 gerahmte Gouachen und Tintenzeichnungen auf Papier, Installation: Ca. 396,2 x 1.737,4 cm, Papierarbeiten: je 29,2 x 38,1 cm, Artwork © Kara Walker/Courtesy of Sikkema Jenkins & Co., New York.

Die amerikanische Künstlerin Kara Walker nutzt diese scheinbare Eindeutigkeit in Verbindung mit dem klassischen Erscheinungsbild der Papierschnitte, um den Betrachter zu verblüffen und ihn zu animieren, seine Erwartungen und Sehgewohnheiten zu überdenken. Denn hinter romantischen Kulissen aus Landschaften und Märchenszenen verbergen sich sozial- und gesellschaftskritische Darstellungen der amerikanischen Kultur voller Aggression, Brutalität und Rassismus. Den Kontrasten, die mit der Technik des Scherenschnitts verknüpft sind, fügt die in New York lebende Künstlerin einen weiteren hinzu: schöner Schein und grausame Realität. Besonders Walkers Arbeiten haben wieder auf den Scherenschnitt aufmerksam gemacht. Zum einen durch die hochpolitischen Themen und brisanten Inhalte, zum anderen anhand der beachtlichen Formate: Ihre Figuren  erreichen oftmals menschliche Größe und raumfüllende Dimensione

Die cut outs der Gegenwartskunst überwältigen nicht selten angesichts ihrer ungewohnten Ausmaße, bedecken zum Teil ganze Wände. Eine weitere formale Neuerung besteht in der Emanzipation von der traditionell flächigen Darstellung in den dreidimensionalen Raum. Zeitgenössische Künstler nutzen den Dualismus des Mediums und arbeiten mit dem Wechselspiel zwischen Linie und Objekt. Die erstaunliche Experimentierlust, mit der sich einige Künstler dieser Technik widmen, führt von reliefartigen Formen über raumgreifende Objekte zu begehbaren Installationen. Dabei ist das Papier längst nicht mehr nur Bildträger. Das Material mit seinen verschiedensten Eigenschaften wie Gewicht, Stärke und Transparenz wird zum wichtigen Bestandteil der Arbeit, ist entscheidender Faktor für die Wirkung eines Werkes.

Für eine Installation verwendete Charlotte McGowan-Griffin im vergangenen Monat erstmalig das so genannte Bibeldruckpapier und gestaltete mit diesem gleichzeitig feinen und stabilen Werkstoff einen ganzen Raum in der Berliner Galerie fruehsorge contemporary drawings. Die Wahl des Materials und die Konzeption als verschlungenes Labyrinth wurden inspiriert von der Encyclopaedia Britannica. Die Anlehnung an herausragende Werke der Literaturgeschichte, in denen Verwirrung und Chaos in Wahrheit formalen Mustern und Regeln folgen, ist ein wiederkehrendes Element in den Arbeiten der englischen Künstlerin, mit dem sie die Ausdruckskraft der Werke noch unterstreicht. Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass die Bezeichnung ihrer Arbeitsweise als cutting in – für McGowan-Griffin ist das Einschneiden in die Papieroberfläche der ausschlaggebende Prozess – ebenfalls der Literatur entstammt. Mit diesem Begriff betitelte Herman Melville in seinem Roman Moby Dick das 67. Kapitel, wobei es allerdings nicht um Papier geht, sondern um die Häutung eines Wales.

Die kürzlich in der Kunstsammlung Neubrandenburg gezeigte Sonderausstellung ‚Papierschnitte‘ widmete sich dem Berliner Papierkünstler Stefan Thiel. Akribisch schneidet er feinste Lichtreflexe aus schwarzem Karton mit dem Skalpell heraus. Dabei benutzt er bevorzugt Modefotografien als Vorlagen, die er in minutiöser Feinstarbeit zu hyperrealistischen Schatten­spielen verwandelt. Aufgrund des Herausschneidens von Licht­­reflexionen auf der Oberfläche nehmen Thiels eigentlich flächige paper cuts plastische Gestalt an. Tiefe Schnitte also, um die Oberflächlichkeit der Konsumgesellschaft offenzulegen?

Da nicht nur Scherenschnitte, sondern Papierarbeiten im Allgemeinen momentan ein bemerkenswertes Comeback feiern, gibt es immer mehr Plattformen, die sich der Präsentation und Vermittlung dieser Gattung zuwenden und die Vielfalt des Materials Papier in das Bewusstsein der Öffentlichkeit rücken möchten. Auch außerhalb von Museen, Messen und Galerien sind die paper cuts  präsent, denn sie gehören schon seit einiger Zeit zu den Techniken der street art, vor allem in New York, London und Berlin. Für die Künstler, die oft auf der Hut vor den Gesetzeshütern sein müssen, überzeugt das Medium vor allem durch einen praktischen Vorteil: In aller Ruhe werden die Schablonen im Atelier oder zu Hause gefertigt und können dann innerhalb kürzester Zeit mit Hilfe von Leim an Hauswände oder -türen geklebt werden. Besonders eindrucksvoll sind die aufwendigen Arbeiten der amerikanischen Künstlerin Swoon, die lebensgroße Darstellungen von Menschen aus dem Papier schneidet. Die überaus fragil wirkenden Arbeiten spielen mit der Rauheit ihrer Umgebung, der sie auch durch Wetter und äußere Eingriffe ausgesetzt sind. Vielleicht haben Sie ja Glück und entdecken bei Ihrem nächsten Spaziergang durch die Straßen Berlins einen der angesagten Scherenschnitte.

Titelbild: Charlotte McGowan-Griffin „The Origin of the World“, 2012, Cut paper, ca. 280 x 250 x 50 cm. Foto: © Patricia Sevilla Ciordia.

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