7 Reece Mews, Francis Bacon Studio. Photograph: Perry Ogden, Collection: Dublin City Gallery The Hugh Lane © The Estate of Francis Bacon. All rights reserved, DACS

KÜNSTLERATELIERS

Orte zwischen Kunstproduktion und Präsentation. Vom Duft des Terpentins schon leicht benebelt, betritt man einen Raum, der für den Begriff „kreatives Chaos“ verantwortlich sein muss. Dreckige Lappen, offene Farbtöpfe, Papierfetzen, Keilrahmen und Leinwände stehen und liegen überall verstreut. Unzählige benutzte Pinsel weichen bündelweise in Gefäßen auf farbverschmierten Regalen und Stühlen ein. Vor lauter Kunst und Müll ist kaum freier Platz geblieben. So würde wohl unsere Vorstellung von einem Künstleratelier aussehen und tatsächlich hinterließ Francis Bacon so sein Londoner Studio nach seinem Tod 1992.

Dass ein Klischee allerdings nur selten der Realität entspricht, ist uns ohnehin bewusst und stellt sich auch in diesem Fall anhand einer kurzen Reise durch die Kunstgeschichte heraus. In den Bauhütten des Mittelalters, die zahlreiche Steinmetze und Gehilfen beschäftigten, musste ein geregelter Arbeitsablauf garantiert werden, so dass neben dem benötigten Baumaterial und den unverzichtbaren Musterbüchern kein Platz für die Einrichtung eines individuellen Arbeitsumfelds blieb. Zeugt Bacons Atelier von einem regelrechten Kampf, in dem sich die Kunst erst durch den körperlichen Einsatz materialisiert, war die Künstlerwerkstatt im Verlauf der Geschichte oft ein Ort der Ruhe, der Kontemplation, kurz: der geistigen Arbeit. Dabei wurde das Studiolo, der in der Renaissance vorherrschende Ateliertypus, mit Wandvertäfelungen oder Gemälden geschmückt und mit Büchern, verschiedensten Studienobjekten und Kunstwerken ausgestattet. Auf derartige Inspirationsquellen verzichteten die Maler der Romantik wiederum völlig, für die jegliche Dekoration der Arbeitsstätte eine vermeidbare Ablenkung von der künstlerischen Tätigkeit bedeutete. Allen voran Caspar David Friedrichs Werkstatt, die in ihrer absoluten Leere unübertroffen blieb.

Nahezu parallel entwickelte sich im 19. Jahrhundert eine entgegengesetzte Meinung über das ideale Atelier. Traditionell und in erster Linie eine Produktionsstätte von Kunstwerken, wurde es nun von wohlhabenden Künstlern in einen opulent dekorierten, repräsentativen Salon verwandelt. Legendär die Ateliers von Franz von Lenbach und Hans Makart, die mit einer Fülle an kostbarsten Möbeln und Kunstschätzen ausgestattet waren. Wie ein Zeitsprung in die Renaissance oder ein Ausflug in eine fantastische Märchenwelt wirken sie. Hier standen ganz andere Aspekte als das Handwerk im Vordergrund: Die Kreation eines optimalen Ambientes für die Präsentation der eigenen Kunstwerke und die Selbstinszenierung als erfolgreicher Künstler und angesehenes Mitglied der oberen Gesellschaftsschicht. In diesem Jahrhundert, in dem das Atelier eine nie dagewesene Aufmerksamkeit erhielt, wurde die Künstlerwerkstatt von einem Rückzugsort zu einer öffentlichen Bühne, die eine immer größere Faszination auf Kunstinteressierte ausübte.

Man wollte an dem geheimnisvollen Geschehen im Atelier teilhaben. Um die zahlreichen Mythen zu überprüfen, die schöpferische Atmosphäre aufzusaugen und dem wundersamen Ereignis beizuwohnen, wie eine künstlerische Idee Gestalt annimmt. Beste Chancen dazu hatte man in den Kunstmetropolen München, Berlin, London, Paris oder Wien. Die Öffnungszeiten und Adressen von den Ateliers der berühmtesten Künstler waren wie Touristenattraktionen in Reiseführern, Tageszeitung oder Fachzeitschriften annonciert, so auch die Arbeitsstätte von Hans Makart in Wien. Für eine Stunde öffnete er jeden Nachmittag sein Atelier, das gegen ein Eintrittsgeld besichtigt werden konnte. Wobei man als Besucher nicht davon ausgehen konnte, dass sich der Maler Zeit für eine intellektuelle Plauderei nahm, wenn er gerade tief versunken an einem seiner Riesengemälde arbeitete.

Picasso öffnete 1949 dem Filmemacher Paul Haesaerts die Tür seines Ateliers. Es entstand ein überaus poetischer Dokumentarfilm, in dem Picasso auf Glasplatten malt und wir unwillkürlich den Atem anhalten, wenn durch die Hand des Meisters scheinbar in der Luft Blumenstillleben und Frauenporträts entstehen. Ebenso beeindruckend ist es, Jackson Pollock bei seiner berühmten Dripping-Technik zu beobachten. Hans Namuth stellte aus seinen Aufzeichnungen von 1951 den Film Jackson Pollock 51 zusammen, der den Begründer des Action Paintings in Aktion zeigt. Mit Farbklecksen übersäten Arbeitsschuhen läuft er um und über die auf dem Boden liegende Leinwand und lässt mit einem Holzstab und konzentriertem Blick die schwarze Farbe auf den weißen Untergrund tropfen. Man schaut dem Maler zu und ist darüber verwundert, wie freigiebig er den Zuschauer an seinem Schaffensprozess teilhaben lässt. Ironischerweise haben gerade diese Aufnahmen, die scheinbar so viele Geheimnisse preisgeben, den Mythos um Pollock noch verstärkt.

‚Action‘ erwarteten auch die Besucher einer kleinen Londoner Galerie, als sie 1996 vor der Video-Installation ‚A real time piece‘ von Darren Almond standen. Eine Live-Übertragung gewährte dem Publikum 24 Stunden lang Einblick in das Atelier des britischen Künstlers. In dem spärlich eingerichteten Raum war alles vorbereitet. Es fehlte nur der Künstler, der jeden Moment hineinkommen musste, um sich an den Zeichentisch zu setzen und Werke für die an der Wand lehnenden, leeren Rahmen zu schaffen. Die Zeit, die auf der Digitaluhr angezeigt wurde, schritt voran, der Raum veränderte seine Atmosphäre durch die unterschiedlichen Lichtverhältnisse, der junge Künstler tauchte jedoch nicht auf. Das Atelier selbst war zum Kunstwerk aufgestiegen.

Seit die Konzeption und Produktion von Marcel Duchamps Ready-mades nicht mehr an einem Ort stattfanden, seit Daniel Buren seine Kunstwerke im öffentlichen Raum realisierte, lautet die Frage: Was und wo ist das Künstleratelier? Für Thomas Hirschhorn gibt es eine klare Antwort: Sein Atelier ist vor allem ein Raum in seinem Kopf. Für Jeff Koons und Damien Hirst sind es Industriehallen, wo die Arbeit streng vom Privatleben getrennt ist, wo sich ein großes Team um die Umsetzung der Ideen des Künstlers bemüht, wo die Herstellung wie in der freien Wirtschaft outgesourct wird. Ein solches international agierendes Unternehmen leitet auch Olafur Eliasson in Berlin. In der Ziegelhalle neben dem Hamburger Bahnhof, die Eliasson als Laboratorium bezeichnet, sind über 40 Mitarbeiter beschäftigt (siehe Abb. auf S. 3). Architekten, Ingenieure und Kunsthistoriker experimentieren, produzieren und archivieren. Eine Assistentin erinnert den Chef an Telefonkonferenzen. Keine Spur mehr von den zahllosen Mythen, die einst das Künstlerdasein umgaben.

Was alle Ateliers über die alle Epochen und Auffassungen verbindet, ist die Tatsache, dass sie in ihren unterschiedlichen Formen und Gestaltungen zu einem gewissen Grad den Charakter des jeweiligen Künstlers widerspiegeln. War seine Arbeitsstätte eine klassische Werkstatt, so bleibt sie – und damit ein Teil seiner Persönlichkeit – als kleiner Trost nach seinem Tod bestehen. Je größer die Berühmtheit des Künstlers zu Lebzeiten, desto größer auch die Bemühungen, seine Wirkungsstätte für die Nachwelt zu erhalten. Es gibt unzählige Beispiele, in denen Künstlerhäuser zu Gedenkstätten umgewandelt und Werkstätten musealisiert wurden. Nicht zuletzt die kreative Rumpelkammer Francis Bacons. Sein Londoner Studio wurde 2011 aufgelöst und in der Hugh Lane Gallery in Dublin originalgetreu wieder aufgebaut – mitsamt aller Kunst und dem ganzen (kreativen) Chaos.

Autorin: Lena Hartmann

Foto: 7 Reece Mews, Francis Bacon Studio. Photograph: Perry Ogden, Collection: Dublin City Gallery The Hugh Lane, © The Estate of Francis Bacon. All rights reserved, DACS

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