Lichtbogen – Das Geistige und das Geistliche

Autorin: Xiao Xiao

Blau, das war mein erster Eindruck von der Stadt, als ich Schwerin zum ersten Mal besuchte. Blau war das Licht in Schwerin nicht nur, weil es sich auf der großen Wasserfläche spiegelte, blau war das Licht auch, weil die Luft klar, sauber und beruhigend war und der Meereshorizont unendlich schien. In Schwerin herrschte keine Hektik. Dank seiner industriefreien Landschaft mit sieben Inseln gilt Schwerin als einer der beliebtesten Urlaubsorte Norddeutschlands. Als ich aus dem Zug stieg, ganz ohne Gedrängel, empfing mich die Stadt Schwerin mit ihrer Farbe Blau.

Mit meiner unvergesslichen Erinnerung an das Schweriner Blau gehe ich an einem freundlichen Wintertag im Januar 2024 in die Kunstausstellung von Günther Uecker. „Lichtbogen“ nennt der bildende Künstler seine Werke, an denen er zwei Jahrzehnte gearbeitet hat. In Düsseldorf hat der 93-jährige Uecker, der ursprünglich aus Mecklenburg-Vorpommern stammt, mehr als 60 Jahre als Künstler gearbeitet. Die Ausstellung im Düsseldorfer Goethe-Museum dokumentiert die künstlerische Arbeit Ueckers für vier Fenster im Schweriner Dom.

Die drei Meter hohen Lichtbögen auf Leinwand sind die künstlerischen Entwürfe für die hohen Fenster der gotischen Kathedrale. Verschiedene Blautöne der Aquarelle umgeben die Lichtbögen. Ueckers Lichtbögen erzählen keine biblische Geschichte, vielmehr verbinden Ueckers Lichtbögen das natürliche Licht draußen mit dem geistlichen Licht im Gotteshaus. Die Grenze zwischen Außen und Innen, Natur und Kultur, Profanem und Sakralem verwischt in den Lichtbögen. Es war der ehemalige Domprediger Volker Mischok, der den zeitgenössischen Künstler Uecker beauftragte, die vier Kirchenfenster zu gestalten. Der Pastor wünschte sich eine Lösung, um das einzigartige Licht des Meeres durch hohe, künstlerisch gestaltete Fenster in den gotischen Dom scheinen zu lassen. Bis 2023 waren die Hauptfenster der Quer- und Seitenschiffe nur einfach verglast, so dass das Gotteshaus zwar von Tageslicht durchflutet wurde, aber keine besondere Lichtwirkung hatte.

Die verschiedenen Blautöne der Lichtbögen interagieren mit den unterschiedlichen Lichtstimmungen der Tages- und Jahreszeiten, so dass das getönte Licht über die Wände und den Boden des Gotteshauses flackert, tanzt. Das im Laufe des Tages wandernde Sonnenlicht wird immer wieder neu eingefangen, und bei Einbruch der Dunkelheit sammeln die Fenster das schwächer werdende Licht und geben es sanft wieder ab, so beschrieb der Pastor Mischok das Lichtgeschehen und sprach bei der Eröffnung der Kunstausstellung vom spielenden Licht. Ich assoziiere seine Beschreibung mit den nachtblauen Traumbildern Marc Chagalls, deren ästhetische Elemente sich in der nachtblauen Luft aufzulösen schienen. Zu den Eigenschaften der Farbe Blau gehören sowohl Ruhe und Konzentration als auch das Traumhafte und Unerreichbare. Vielleicht hat Marc Chagall deshalb seine Traumbilder vor verschiedenen blauen Hintergründen gemalt. Denn die Farbe Blau transzendiert das sinnlich Leibliche in das sakral Erhabene.

In dieser Assoziation spüre ich den poetisch gewordenen Uecker, der neben seiner weißen Farbe auf den Nagelobjekten die poetische Ausstrahlung in seinen farbigen Arbeiten pflegt. Die Lichtbögen malte Uecker in seinem Düsseldorfer Atelier mit selbst angerührten Aquarellfarben auf Leinwände, die auf dem Boden lagen. Der malerische Pinselduktus Ueckers, mit dem sich der künstlerische Ausdruck in seine Umgebung einfügt, vermittelt einen freien Eindruck: der freischaffende Künstler sieht sich und seine Umwelt in einer Einheit. In der freien Pinselführung Ueckers lese ich die Sehnsucht des Individuums nach dieser Einheit. Dieser existentielle Wunsch des Menschen, die Grenze zwischen Subjekt und Objekt aufzuheben, transzendiert in der göttlichen Größe des Lichtes. In diesem lebendigen Dialog zwischen dem Menschen und dem Gott wird deutlich, dass der Mensch auf der Suche ist, wie er die grenzenlose Offenheit begreifen kann, in der alle menschlichen Regungen zulässig sind. Die Intervention zeitgenössischer Kunst in einem sakralen Raum einer christlichen Kirche mit einer über 850-jährigen Geschichte macht im Falle von Ueckers Lichtbögen deutlich, dass im Kleinen das Große verborgen liegt.

Die Ausstellung im Goethe Museum Düsseldorf ist bis zum 17.03.2024 zu sehen.