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MODERNES NOMADENTUM

‚Instant Housing‘ – eine neue Sicht auf Mobilität. On the Road – dieser Buchtitel von Jack Kerouac aus dem Jahr 1951 klingt nach Abenteuer und Freiheit. Tatsächlich bedeutet ‚On the Road‘ aber für unzählige Menschen nichts als ein alltäglicher Überlebenskampf. Was manche romantisieren, ist für viele Obdachlose bittere Realität, die oft verbunden ist mit der gesellschaftlichen Verachtung und einem Verlust an Selbstwürde. Nicht wenige Künstler haben sich mit der Obdachlosigkeit, die eine ganz eigene Form von erzwungener Mobilität darstellt, auseinandergesetzt. Der früh verstorbene Künstler Etienne Boulanger lebte selbst als Obdachloser, um so fremde Städte zu erforschen. Krzysztof Wodiczko hat in New York, Micahel Rokowitz in Boston Ideen für mobile Heime für Obdachlose entwickelt. Miriam Kilali versucht Obdachlosenheime schöner und damit menschenwürdiger zu gestalten. Das sind nur einige von vielen Künstlern.

In Nürnberg arbeitet Winfried Baumann seit über zehn Jahren an Skulpturen, die auch ganz praktisch von Obdachlosen als mobile Unterkunft und Container für ihre Habseligkeiten genutzt werden können. Baumann, der sein Atelier am Rande der Nürnberger Altstadt in einem sozial problematischen Umfeld eingerichtet hat, erlebte, wie eine Gesellschaft unliebsame ‚Gestalten‘ aus dem Stadtbild vertreiben wollte. Sei es durch den Umbau des Hauptbahnhofs zu einem Einkaufszentrum oder durch die Schließung des legendären autonomen Jugend- und Kulturzentrums Komm. In einer durchstrukturierten Stadt, in der kommerzielle Interessen an oberster Stelle stehen, ist für die Verlierer der Gesellschaft kein Platz. Baumann wertet die Obdachlosigkeit jedoch nicht. Er agiert nicht politisch. Er nimmt sie als Tatsache hin und erlebt sie täglich in der Umgebung seines Ateliers.

Er baut Metallcontainer, die an Mülltonnen erinnern, und stattet sie mit einer Matte, Schlafsack, einem Spiegel und anderen wenigen Notwendigkeiten aus. Der Künstler hat reduziert wo es nur geht und damit die Überlebensexistenz auf das Wesentliche beschränkt. Mehr braucht man nicht, um einen eigenen Rückzugsort zu haben. Oder, und das entspricht viel mehr der Intention von Baumann, er hat den Obdachlosen einen Freiraum gegeben, ihre mobilen Unterkünfte selbst zu gestalten und so ein ‚Heim‘ nach eigenem Geschmack entwickeln zu können. Es steckt viel
Kritik in diesen Skulpturen an unseren Ansprüchen an das, was nötig ist, um komfortabel zu wohnen. Tatsächlich wurden diese Skulpturen schon mehrfach von Obdachlosen erprobt. In Zusammenhang mit Ausstellungen wurden diese Instant Housings, wie der Künstler sie nennt, an Obdachlose abgegeben, die sich durchweg begeistert zeigen. So kann es gut sein, dass der Kunstfreund eines Tages einen Obdachlosen trifft, der seit mehreren Jahren seine Instant Housing-Skulptur mit sich führt.
Kritik kam nie von den Betroffenen selbst, sondern immer nur von Menschen, die selber keine praktikable Lösung des Problems anbieten konnten.

Doch Baumann hat im Zuge seiner künstlerischen Recherchen noch viel mehr ‚moderne Nomaden‘ entdeckt. Auf den ersten Blick haben diese Manager, Künstler oder Pilger nichts mit Obdachlosen gemein. So wird man von dem entsprechend gestalteten Pilgermodell Benedetto und seinem muslimischen Pendant Umrah oder dem WBF 240-GO (Wohnbehälter fahrbar, Businessmodell) mehr irritiert als von den mobilen Obdachlosenunterkünften. Will der Künstler den international tätigen Manager degradieren? Im Gegenteil. Baumann kritisiert einen Zeitgeist, der Mobilität als ideal beschreibt, ohne über die Folgen für die Betroffenen und ihre gesellschaftlichen wie familliären Beziehungen zu bedenken. So nennt er seine Arbeiten eben auch „Instant Housing-Wohnsysteme für Obdachlose und andere urbane Nomaden.“ So ist denn auch sein Kommentar zum internationalen Kunstzirkus eine mobile Galerie.

Jack Kerouacs’ ‚On the Road‘ klingt auch über 60 Jahre nach Erscheinen der Erstausgabe noch nach Abenteuer und Freiheit. Winfried Baumann zeigt mit seinen Skulpturen, die in zahlreichen Ausstellungen zu sehen waren und sind, die negative Seite, aber auch die Potentiale der Mobilität auf. Auch für den modernen Nomaden und reisenden Künstler.

Eine Werkübersicht über das ‚Instant Housing-Projekt‘ ist im Verlag für moderne Kunst Nürnberg erscheinen.

www. winfried-baumann.de

Autor: Spunk Seipel

Foto: Winfried Baumann, Instant Housing Shopping Cart, MIGROS-400, 2010, ausziehbare gepolsterte Liegefläche, Erste-Hilfe-Paket, Spiegel, Trillerpfeife, Multifunktionswerkzeug, Taschenlampe, Kunststoffhaube mit Sichtfenster, Maße: 205 x 60 x 95 cm, Transportmaße: 95 x 50 x 25 cm, Material: Aluminium, PVC-Plane. Foto: © Elmar Hahn, VG Bildkunst