PAPIER ALS GRUNDSTOFF DER KULTUR

Von Peter Lodermeyer

Sollte man meinen, dass eines der Grundmaterialien unserer Kultur nichts anderes ist als ein schnöder „Faserfilz“? Genauer gesagt: ein „flächiger Werkstoff, der im Wesentlichen aus Fasern meist pflanzlicher Herkunft besteht und durch Entwässerung einer Faseraufschwemmung auf einem Sieb gebildet wird. Der dabei entstehende Faserfilz wird verdichtet und getrocknet.“ So sachlich definiert das Deutsche Institut für Normung (DIN) unter Nummer 6730, was wir üblicherweise als Papier bezeichnen. Tatsächlich ist Papier ein nicht hoch genug zu schätzender kultureller Grundstoff. Dies ist so selbstverständlich, dass wir kaum noch darüber nachdenken, wie viele gesellschaftlich und kulturell bedeutsame Vorgänge und Funktionen ganz entscheidend von der Tatsache mitbestimmt oder überhaupt erst ermöglicht werden, dass Papier als ein flexibles, leichtes und vielseitiges Material in großen Mengen zur Verfügung steht. Von den alltäglichsten Verrichtungen bis in Bereiche wie Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Kunst ist Papier als unverzichtbarer Informationsträger oder Werkstoff im Spiel. Man muss sich nur einmal klarmachen, wie oft man Tag für Tag in den verschiedensten Zusammenhängen Produkte aus Papier vor Augen hat bzw. in die Hand nimmt und benutzt. Das fängt mit der Morgenzeitung und dem Blick auf den Kalender an und geht mit Tetra-Packs weiter, mit Bus- und Zugfahrplänen, Fahrkarten, Geldscheinen, Rechnungen und Kassenzetteln, Einladungs- und Eintrittskarten, Briefmarken, Notenpapier und Verpackungskartons, gar nicht zu reden von Zeitschriften und Büchern.

Auch die Hygienekultur wäre eine völlig andere, gäbe es nicht Taschen- und Kosmetiktücher aus Papier, Küchenrollen und vor allem Toilettenpapier. Überhaupt stimmt es nachdenklich, wenn man liest, dass Toilettenpapier in China bereits im 9. Jahrhundert massenhaft hergestellt wurde, während der Westen bis 1857 darauf warten musste, dass der Amerikaner Joseph Gayetty erstmals ein industriell hergestelltes Toilettenpapier vertrieb, das noch nicht auf Rollen, sondern in Päckchen von 500 Einzelblättern verkauft wurde. Ein kommerzieller Erfolg soll es nicht gewesen sein. Die Toilettenpapierrollen kamen dann um 1880 auf, die erste deutsche Fabrik für dieses unverzichtbare Körperkulturgut, die Firma Hakle in Ludwigsburg, wurde erst 1928 gegründet.

Vom Umgang mit menschlichen Grundbedürfnissen bis zu den edelsten Blüten der Hochkultur reicht das Einsatzgebiet des Papiers. Ob Einkaufszettel oder Post-it-Notiz, Blaue Mauritius oder Beethoven-Autograph: Papier ist der sprichwörtlich geduldige Träger unterschiedlichster Arten von Information. Es ist spottbillig und überall verfügbar – oder aber unvorstellbar teuer: Im Dezember 2009 wurde bei Christie’s in London eine knapp 30,5 mal 22 Zentimeter messende Raffael-Zeichnung für sagenhafte 47,9 Millionen Dollar als bis dato teuerstes Kunstwerk auf Papier versteigert. Nur zwei Monate später, im Februar 2010, erwarb die Pariser Nationalbibliothek über das Auktionshaus Sotheby’s das in Französisch geschriebene Originalmanuskript der Memoiren von Giacomo Casanova und zahlte mit gut 7 Millionen Euro den bislang höchsten Preis für eine Handschrift.

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Wiggle Side Chair, Design Frank Gehry, 1972. Foto: © Hans Hansen.

Unvermeidlich stellt sich heute, im Zeitalter fortschreitender Digitalisierung, die Frage, ob die Zeit des papierbasierten kulturellen Lebens nicht zu Ende geht. Statt mit Münz- und Papiergeld wird zunehmend mit Geldkarten aus Plastik bezahlt; Litfasssäulen und Plakatflächen weichen LED-Bildschirmen und der gezielten, „personalisierten“ Internet-Werbung; das „papierlose Büro“ ist für zahlreiche Unternehmen ein angestrebtes Ideal und eine Herausforderung für Softwareentwickler im sogenannten Dokumentenmanagement. Dass heute ganze Archive digitalisiert und Steuererklärungen per E-Mail verschickt werden, weckt wohl kaum nostalgische Gefühle, doch die Tatsache, dass die Kulturtechnik des Briefeschreibens, ja sogar das Verfassen von Liebesbriefen offenbar durch E-Mails-Schreiben und „Simsen“ ersetzt wurde, stimmt doch melancholisch.

Eine Frage, die seit vielen Jahren immer wieder die Feuilletons beschäftigt und die Gemüter bewegt, lautet: Werden Bücher, Zeitungen und Zeitschriften (auf Neudeutsch „Printmedien“) über kurz oder lang verschwinden und durch Downloads auf Laptops, Smartphones und elektronische Lesegeräte abgelöst? Diese Fragestellung ist dem Literaturwissenschaftler und Feuilletonredakteur der Süddeutschen Zeitung, Lothar Müller, zu eng. In seinem soeben im Münchner Hanser Verlag erschienenen Buch „Weiße Magie“, das für den Preis der Leipziger Buchmesse 2012 nominiert war, besichtigt Müller, was er im Untertitel „die Epoche des Papiers“ nennt. Der Autor wendet sich dabei vehement gegen „die starre Opposition von ‚Buchzeitalter’ und ‚Internet’“, auf die sich die einschlägigen Debatten meist beschränken. Diese hindere uns daran, „in den papiergestützten Routinen und Kulturtechniken, die seit der frühen Neuzeit die Infrastrukturen des Wissens, der Ökonomie, der Herrschaft, der Künste wie der modernen Öffentlichkeit geprägt haben, die Vorgeschichte der digitalen Speicher- und Zirkulationsmedien zu erkennen.“

Bei seinen materialreichen Betrachtungen geht es nicht um eine lückenlose Geschichte des Papiers, sondern um Papier als kultureller Grundstoff. So hält sich Müller gar nicht lange mit der Erfindung des Papiers in China auf, sondern beginnt bei der arabisch-maurischen Papierproduktion, die Mitte des 8. Jahrhunderts einsetzt. Arabien wird in den üblichen Kulturgeschichten gewöhnlich nur als Mittler zwischen China und dem Westen erwähnt. Doch Müller würdigt die bahnbrechende arabische Erfindung, Papier aus Hadern, d. h. Textilresten zu fertigen. Das Hadernpapier ist nicht nur ein frühes Beispiel für Recycling, es machte vor allem die Herstellung von Papier unabhängig von Rohstoffen wie dem chinesischen Papiermaulbeerbaum oder dem ägyptischen Papyrus, was entscheidend zu seiner weiten Verbreitung beitrug. Um 1235 entstanden die ersten europäischen Papiermühlen bei Fabriano, in der italienischen Provinz Ancona, wo bis heute hochwertige Papiere gefertigt werden. Müller beschreibt ausführlich, wie die Ausbreitung des Papiers nach und nach die verschiedenen kulturellen Bereiche zu verändern begann, darunter Verwaltung, Nachrichtenübermittlung und Postwesen sowie selbstverständlich die Literatur. Und er zeigt, dass es bereits in der frühen Neuzeit Unterhaltungsmedien gewesen sind, welche die Entwicklung vorantrieben: Im 14. und 15. Jahrhundert kamen diverse Kartenspiele in Mode, was zu einem explosionsartig ansteigenden Papierbedarf führte. Die Spielsucht ging quer durch alle Bevölkerungsschichten und war so gravierend, dass es immer wieder zu gesetzlichen Verboten und Einschränkungen des Kartenspiels kam.

Die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern, von Medientheoretikern wie Marshall McLuhan als Auslöser des entscheidenden Paradigmenwechsels der Neuzeit bewertet, betrachtet Müller nicht als isoliertes Phänomen, sondern bettet auch sie in die „Epoche des Papiers“ ein: „In der Tat konnte die Erfindung Gutenbergs (…) ihre epochale Wirkung nur entfalten, weil ihr das Papier als ökonomisch günstigerer, zugleich aber hochwertiger Schrift- und Bildträger zur Verfügung stand, der das Pergament zunehmend ergänzte und zumal dort ersetzte, wo die Intention massenhafter Reproduktion wichtiger war als die aufwendige Gestaltung der Bücher.“

Müller orientiert sich bei seinem Durchgang durch die Epoche des Papiers an bedeutenden Schriftstellern von Rabelais und Cervantes bis William Gaddis und Rainald Goetz. Letzterer ist insofern interessant, als er den Übergang ins digitale Zeitalter markiert. Sein 1999 publiziertes Buch „Abfall für alle“ war zuvor als Netztagebuch online zu lesen. Für Lothar Müller geht die Epoche des Papiers mit der Digitalisierung keineswegs zu Ende, sondern tritt nur in eine andere Phase ein. Dem „analogen“ stellt er das „digitale Papier“ zur Seite. Die virtuellen Seiten der Textverarbeitungsprogramme tun so, als seien sie aus Papier, sie betreiben Mimikry mit dem älteren Medium: „So raschelt es im elektronischen Papierkorb, wenn wir eine Datei löschen.“ Trotz Digitalisierung gilt für Lothar Müller: „Wir leben, bis auf weiteres, immer noch in der Epoche des Papiers“.

Als Literaturwissenschaftler und Tageszeitungsjournalist beschränkt sich Müller bei seinen Betrachtungen im Wesentlichen auf Papier als Schriftträger und bekennt: „Ein Kunsthistoriker würde anders fokussieren“. In der Tat, denn zur „Epoche des Papiers“ gehören unbedingt auch die Kunstwerke auf und mit Papier, Zeichnungen, Aquarelle und Grafiken, Papierskulpturen wie die von Erwin Heerich, aber auch Bilderzeugnisse wie Comic-Hefte oder so abseitige Bildmedien wie Orangenpapiere mit ihren meist exotischen Motiven. Und selbstverständlich die Fotografie, deren Geschichte ganz entscheidend durch die Entwicklung der Fotopapiere geprägt war. Papier ist auch ein wichtiges Material für Inneneinrichtung und Design; davon zeugen ungezählte Studentenbuden mit ihren Ballonlampen aus Reispapier ebenso wie die schicken Lofts, die mit Kartonhockern und -sesseln des amerikanischen Architekten Frank Gehry möbliert sind.

Papier ist ein Werkstoff, der sich vielfältig bearbeiten und handhaben lässt. Lothar Müller zählt auf: „Papier lässt sich falten und knicken, zusammenknüllen und zerschneiden, zerreißen und verbrennen, beidseitig mit Ziffern, Buchstaben und Linien bedecken, fortlegen und wieder hervorziehen, verschicken oder verstecken.“ Was er zu erwähnen vergisst: Papier lässt sich auch kleben und bekleben. Im 16. Jahrhundert bereits kam der Brauch auf, Wände mit Papiertapeten zu versehen statt mit teuren Teppichen oder Gobelins zu behängen. Gerade in den letzten Jahren erfreuen sich aufwendig bedruckte und geprägte Tapeten, auch Fototapeten, wieder großer Beliebtheit. Der Eigenschaft von Papier, ge- und beklebt werden zu können, verdankt die Kunst zudem eine der revolutionären Erfindungen der Moderne: die Collage. Indem Pablo Picasso im Herbst 1912 und kurz darauf auch Georges Braque anfingen, Papiere, meist Zeitungsausschnitte, in ihre kubistischen Kohlezeichnungen einzukleben, schufen sie ganz neue, hochkomplexe visuelle Räume – mit bis heute nachwirkenden Folgen für die Kunst. In der Fachliteratur heißen diese Arbeiten ganz prosaisch „geklebte Papiere“ – „papiers collés“.

Ein gutes Beispiel dafür, wie Papier mit seinen Eigenschaften auch in der zeitgenössischen Kunst zu neuen Gestaltungsmöglichkeiten inspiriert, sind die Arbeiten der New Yorker Künstlerin Jill Baroff. Das Papier, das sie bevorzugt verwendet, ist allerdings im Sortenlager selbst großer Papierhändler nur selten zu finden. Es handelt sich um Gampi-Papier, eines der dünnsten handgeschöpften Papiere, dessen Fasern von einem dem Seidelbast verwandten Strauch stammen, der nur in gewissen Regionen Japans wächst. Jill Baroff begnügte sich nicht damit, dieses strapazierfähige und kostbare Papier zu kaufen, sondern ging in den 90er-Jahren eigens nach Japan, um vor Ort die Handwerkskunst des Gampi-Schöpfens zu studieren. Für ihre „Floating Line Drawings“ färbt sie einen Randstreifen an allen vier Seiten eines Blattes mit Tusche oder Ölpastellkreide und schneidet ihn so aus, dass er nur noch an einem Zipfel hängt. Diesen losen Papierstreifen versucht die Künstlerin dann im Wasserbad in Form zu bringen, es auf dem Trägerblatt anzuordnen oder um es herum zu legen, Knoten in das Band zu flechten usw. Der Widerstand des Materials führt dabei zu reizvollen Verknickungen und Verdrehungen und unvorhersehbaren Farblinienverläufen. Das Resultat ist ein unglaublich zartes Objekt aus Papier, geformt im Zusammenspiel von Zufall und Kontrolle.

Titelbild: Jill Baroff, Floating Line Drawing (Four Corners, Ölpastell auf Gambi-Papier, 81 x 81 cm. Foto: © Courtesy Galerie Christian Lethert, Köln.

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