Reise ins Licht

Autorin: Maren Saiko

Es gibt allgemein zwei Möglichkeiten, warum man einen Film über eine Kunstausstellung ansehen möchte: Entweder man hat sie verpasst und möchte etwas nachholen oder man war von ihr so begeistert, dass man die positiven Eindrücke wieder lebendig machen und vertiefen möchte. Im vorliegenden Fall war es Möglichkeit No. 3: Man hat zwar die Ausstellung besucht, muss aber trotzdem etwas nachholen… Doch dazu später.

Jan Vermeer van Delft, der große Lichtkünstler des 17. Jahrhunderts, hat nur 37 Werke hinterlassen, sie sind heute auf der ganzen Welt verteilt. Umso ambitionierter war der Anspruch des Amsterdamer Rijksmuseums und seiner Kuratoren Gregor Weber und Pieter Roelofs, möglichst viele dieser Werke zusammenzubringen zur größten Vermeer-Ausstellung aller Zeiten (10. Februar bis 4. Juni 2023). Wie das gelingen konnte, welche Leidenschaft dafür notwendig war, welche Hürden überwunden und Diskussionen geführt werden mussten, welche Enttäuschungen es gab und wie viel Geduld und Diplomatie es den Organisatoren abverlangt hat, ans Ziel ihrer Träume zu kommen, zeigt die wunderbare Dokumentation von Suzanne Raes, die im Winter in den deutschen Kinos lief und aktuell bei Amazon Prime Video zu sehen ist.

Wenn der gestandene und weltweit bedeutende Vermeer-Experte Gregor Weber bei der Frage nach seinem Initialmoment für seine Liebe zu Vermeer sichtlich um Fassung ringt oder die Mauritshuis-Restauratorin Abbie Vandevere das „Mädchen mit dem Perlenohrgehänge“ beim Transport von Den Haag nach Amsterdam voller Nervosität nicht eine Sekunde aus den Augen lässt, dann sind das Momente im Film, die bis auf den Grund der Seelen dieser Menschen blicken lassen, die ihr Leben einem einzigen Künstler verschrieben haben. Und wenn im Laufe der Vorbereitungen aus Washington die Nachricht kommt, dass das „Mädchen mit Flöte“ vielleicht überhaupt nicht von Vermeer stammt und was das für die Kunstwelt bedeutet, dann fühlt man sich in einen Krimi versetzt, den nur das echte Leben sich ausdenken kann. Zudem gelingt dem Film eine ganz besonders malerische Atmosphäre, so als hätte die Kamera das Licht und die Farbigkeit des 17. Jahrhunderts eingefangen – Licht und Schatten, Unschärfe und Liebe zum Detail sind so zauberhaft eingefangen, dass man beim Betrachten des Films zu glauben meinen könnte, sich in einem Gemälde zu befinden.

So gelingt es Suzanne Raes, nicht nur das Einzigartigkeit der Malerei dieses außergewöhnlichen Künstlers, sondern auch die beteiligten Wissenschaftler und Vermeers Kunstwerke gleichermaßen zu Hauptdarstellern einer spannenden Erzählung zu machen, in die man ganz und gar eintauchen kann und auf diese Weise dem Menschen und dem Künstler Vermeer fast näher kommt als in der Ausstellung selbst, denn: Wer die Ausstellung zwar besucht, inmitten von Menschentrauben und umherwedelnden Handys aber kaum etwas gesehen hat (s.o., Möglichkeit 3), wird mit diesem kleinen Wunderwerk ganz zauberhaft entschädigt. VERMEER – REISE INS LICHT ist ein Kunstwerk wie jene, die es in Szene setzt.

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